Der Schattenspieler - Soekarno (1901-1970) Tabellarischer Lebenslauf

Der  Schattenspieler

S O E K A R N O

(1901 - 1970)

[Soekarno]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1901
6. Juni: Soekarno wird in Soerabaja (heute Surabaya) geboren, der Hochburg der Maduresen auf Djava (heute Jawa).* Sein Vater ist ein javanischer Provinzfürst (Radén) maduresischer Abstammung namens Soekemi, der im niederländischen Schuldienst tätig ist; seine Mutter ist eine Balinesin namens Ida. Soekarno lernt nie richtig Javanisch, geht deshalb von der javanischen Grundschule ab und erhält zuhause Privatunterricht, bis er mit zehn Jahren die europäische Schule in Soerabaja besuchen kann. Er fühlt sich dem indonesischen "Kernvolk" der Jawaner nie sonderlich verbunden; mit vielen politischen Führern seiner Zeit**, die sich besonders "national" geben, hat er gemeinsam, daß er einer ethnischen Minderheit angehört oder in der Irredenta geboren wurde bzw. aufwächst.


1915
Soekarto wird in die (niederländische) Höhere Bürgerschule in Soerabaja aufgenommen.

1918
18. Mai: In der Hauptstadt Batavia (heute "Jakarta [Siegburg]") wird der erste Volksraad eröffnet. Er soll die Eingeborenen auf die parlamentarische Demokratie vorbereiten, etwas, das diese jedoch überwiegend ablehnen.

1920
Die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) wird gegründet.
Soekarno beginnt ein Ingenieurs-Studium (Fachrichtung Architektur) an der (niederländischen) Technischen Hochschule in der sundanesischen Hauptstadt Bandung.

1925
Soekarno schließt sein Architektur-Studium mit der Ingenieursprüfung ab.
November: Die PKI wird verboten.

1927
4. Juli: in Bandung wird die "National-Partei Indonesiens" (PNI) gegründet.

1928
Oktober: Auf einem "Jugendkongreß" in Batavia fordern die Eingeborenen einen unabhängigen Staat mit dem Namen "Indonesia"*** und einer gemeinsamen Sprache****.

1929
Dezember: Soekarno wird wegen Aufrufs zur Gewalt zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

1931
31. Dezember: Soekarno wird vorzeitig auf Bewährung entlassen.

1933
August: Soekarno wird erneut verurteilt und erst nach Flores, dann nach Bengkulen (auf Sumatra) verbannt.

1942
10. Januar: Japanische Truppen landen in Niederländisch-Indien.
8. März: Soekarno wird nach der Kapitulation Niederländisch-Indiens von den Japanern auf freien Fuß gesetzt.

1943
Oktober: Die Japaner stellen indonesische Freiwilligenverbände (PETA) auf.

1944
19. September: Japan stellt Indonesien die Unabhängigkeit - "merdeka" ("Freiheit") - in Aussicht.
10. November: Soekarno wird in Tōkyō vom japanischen Kaiser Hirohito empfangen und zum Leiter des vorbereitenden Unabhängigkeitskomitees ernannt.

1945
März-Juli: Auf einer Art verfassunggebenden Nationalversammlung werden die Grundzüge des künftigen "Indonesiens" ausgearbeitet. Soekarno prägt die Begriffe "Bhinneka tunggal ika" (offiziell "Einheit in der Vielfalt" übersetzt, richtig jedoch "Einheit aus der Vielfalt", also Gleichschaltung vieler Völker und Stämme zu einem zentralisierten Einheitsstaat) und "Pancasila (fünf Säulen)". Auch diese werden im Westen meist mißverstanden und falsch übersetzt: Kebangsaan ("Nationalismus" - richtig: "Rassismus", von bangsa, Rasse), Perikemanusian ("Humanismus" - richtig: Vorrang des Menschen vor der Natur, also eine Absage an Tier- und Naturschutz), Mufakat ("Demokratie" - richtig: Zustimmung nach Beratung, also das genaue Gegenteil von Befragung vor Entscheidung), Keadilan sosial ("Gerechtigkeit" - richtig: staatlich kontrollierte Gesellschaftsordnung) und Ketuhanan Yang Maha Esa ("Glaube an einen allmächtigen Gott" - richtig übersetzt, aber in der Praxis: Islam als Staatsreligion; heute wird dieses - ursprünglich letzte - Prinzip denn auch offiziell an erster Stelle genannt).
15. August: Nach Abwurf zweier amerikanischer Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki kapituliert Japan vor den Alliierten; damit ist der Zweite Weltkrieg theoretisch beendet.
17. August: Soekarno erklärt die Unabhängigkeit "Groß-Indonesiens".
18. August: Soekarno erklärt sich zum Präsidenten der Republik Indonesien.
29. September: Großbritannien schickt indische Truppen nach Batavia und Soerabaja, um die Kolonialherrschaft wieder herzustellen.
5. Oktober: Soekarno bildet aus den PETA-Truppen eine Bürgerkriegsarmee und nimmt den Kampf gegen die Niederländer auf.
10. November: Soekarnos Truppen erobern Soerabaja und richten unter den Europäern ein Blutbad an. (Der 10. November ist seitdem amtlicher "Heldengedenktag" in Indonesien.)

1946
4. Januar: Die Regierung der "Republik Indonesien" flüchtet in die alte javanische Hauptstadt Jogjakarta (heute Yogyakarta).
März: Großbritannien zieht seine Truppen aus Indonesien ab.
November: Indonesien und die Niederlande einigen sich auf eine "Union"; die Kämpfe um die vollständige Unabhängigkeit gehen jedoch weiter.

1948
Auf US-amerikanischen Druck müssen die Niederlande den Kampf einstellen.

1949
Auf Druck der UNO stimmen die Niederlande nach einer "Konferenz am Runden Tisch" in Den Haag der Gründung der "Vereinigten Staaten von Indonesien" zu. Die "Union" mit den Niederlanden bleibt zunächst pro forma bestehen.
Soekarno erklärt sich erneut zum Präsident von Indonesien.

[Wappen der Republik Indonesien]

1950
Die mehrheitlich von Christen bewohnten Molukken erklären sich für unabhängig, werden jedoch vom Ausland weder offiziell anerkannt noch inoffiziell unterstützt. Soekarno läßt indonesisches Militär einmarschieren.

1952
Der Widerstand der Molukken bricht zusammen; wer kann, flieht nach Holland. Soekarno läßt die Provinz brutal gleichschalten.

1954
Soekarno erklärt die "Union" mit den Niederlanden für aufgelöst.

1955
Auf der Konferenz von Bandung spielt sich Soekarno als Führer der "Blockfreien-Bewegung" auf, die meistenteils "Schwellenländer" vereint, die zwar kommunistisch orientiert sind, sich aber nicht offiziell dem Warschauer Pakt anschließen wollen, z.B. Ägypten, Indien, Jugoslawien und Kuba.

1956
Soekarno reist zum Staatsbesuch nach Moskau und versichert sich der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Unterstützung der Sowjet-Union (soviel zur "Blockfreiheit").
Anschließend reist er nach Bonn am Rhein, der provisorischen Hauptstadt der BRD, und versichert sich dort umfangreicher deutscher Entwicklungshilfe.

1957
Der Aufstand muslimischer Autonomisten in Aceh (Nord-Sumatra) beginnt.

1959
Soekarno ruft den Ausnahmezustand aus und verweist alle Europäer des Landes; dies führt binnen kurzen zum Zusammenbruch des öffentlichen Dienstleistungswesens.

1960
März: Soekarno löst das gewählte Parlament auf und ersetzt es durch eine Versammlung von ihm selbst ernannter Beifallspender.
August: Soekarno bricht die diplomatischen Beziehungen zu den Niederlanden ab.

1961
Dezember: Nachdem die Niederlande West-Neuguinea in die Unabhängigkeit entlassen haben, schickt Soekarno Invasionstruppen auf die Insel, die er als "Irian Jaya" für Indonesien beansprucht.

1962
Soekarno richtet die "Asienspiele" in Jakarta aus, weigert sich jedoch als Verbündeter Ägyptens und Rotchinas, Sportler aus Israel und Taiwan teilnehmen zu lassen.

1963
Mai: Die UNO erkennt die Annexion West-Neuguineas durch Indonesien an.
Juli: Soekarno läßt sich von seinem Parlament zum Präsidenten auf Lebenszeit "wählen".
September: Nachdem Großbritannien Malaya und die Straits Settlements unter dem Namen "Malaysia" in die Unabhängigkeit entlassen hat, beansprucht Soekarno auch dieses Gebiet für Groß-Indonesien und beginnt mit Hilfe kommunistischer Guerillas einen Untergrundkrieg auf der Halbinsel Malakka, in Sabah und Sarawak auf Borneo (heute "Kalimantan"). Die USA stellen daraufhin die Militärhilfe an Indonesien ein.

1965
Nachdem Malaysia in die UNO aufgenommen worden ist, verkündet Soekarno den Austritt Indonesiens.
30. September/1. Oktober: Ein kommunistischer Staatsstreich, dem sechs Generäle zum Opfer fallen, wird von dem überlebenden Generalleutnant Soeharto nieder geschlagen und zum Anlaß genommen, etwa eine halbe Million in Indonesien lebender Chinesen (vor allem auf Sumatra, Java und Bali) als angebliche "Kommunisten" zu ermorden. (Die Zahl der offiziell eingeräumten Todesopfer beträgt freilich "nur" 87.000.) Da es sich jedoch meistenteils nicht um Kommunisten handelt, sondern um durchaus kapitalistische Kleinunternehmer, bricht daraufhin auch die Privatwirtschaft Indonesiens weitgehend zusammen.


1966
Bald stellt sich heraus, daß Soekarno selber hinter dem Putsch steckte, der seine Macht - ähnlich wie Maos "Kultur-Revolution" - weiter festigen und angeblichen Staatsstreichplänen des Militärs zuvorkommen sollte.
11. März: Soekarno muß die Regierungsgewalt offiziell auf Soeharto übertragen; er bleibt jedoch vorerst nominell Präsident.

1967
12. März: Soekarno muß auch das Präsidentenamt nieder legen und wird unter Hausarrest gestellt.

1970
21. Juni: Soekarno stirbt.

* * * * *

1999
Nach dem - von Indonesien ausgehenden - Zusammenbruch der ostasiatischen Wirtschaft (1997) und dem Sturz Soehartos (1998) gelingt es Soekarnos Tochter Megawati Sukarnoputri, die Macht an sich zu reißen; sie kann sich jedoch nicht lange gegen die allmählich überhand nehmenden muslimischen Hardliner halten. Das völlig übervölkerte und verarmte Indonesien versinkt im Chaos.


*Seit der Rechtschreibreform von 1973 wird der Laut "u" nicht mehr - wie im Holländischen - "oe" geschrieben, sondern "u", ferner "y" statt "j", "c" statt "tj", "j" statt "dj", und "w" statt "v"; bei alten Personennamen wird jedoch meist die alte Schreibweise beibehalten. Soekarnos muslimischer Name lautet Ahmed; die beiden Namen werden jedoch in der Regel nicht zusammen verwendet. "Su" (bzw. "Soe") ist eine - aus dem Sanskrit stammende - Vorsilbe, die soviel wie "Hochwohlgeboren" bedeutet und für eine adelige Abstammung steht; für seine kommunistischen Freunde war er "Bung Karno" - Genosse Karno; auf offiziellen Schriftstücken führte er stets seinen akademischen Grad als Ingenieur. Als Politiker nannte er sich nicht "Führer" o.ä., sondern "Dalang" - dies ist der Puppenspieler aus dem indonesischen "Wayang kulit"-Schattenspieltheater, der die ledernen Marionetten tanzen läßt.

**Atatürk (Thrakien), Franco (Galizien), Hitler (Österreich), Mahathir (Indien [Tamil Nadu]), Mannerheim (Schweden/Rußland), Masaryk (Slowakei/Deutschland), Nehrū (Kashmir), Pavelić (Bosnien-Herzegovina), Piłsudski (Litauen), Stalin (Georgien/Ossetien), Sun Yat-sen (Hawaii), Szálasi (Armenien), Tito (Kroatien/Slowenien), Valera (Kuba/USA), Venizelos (Kreta)

***griechisch für "indische Inseln" - ein Begriff, den der deutsche Forschungsreisende Adolf Bastian 1884 für die 13.600 Inseln des malaiischen Archipels geprägt hatte.

****Bei der "Bahasa Indonesia" handelt es sich um das Johor-Malaiische, die Lingua franca der südostasiatischen Bazare, aus dem sich u.a. der Hauptstadt-slang "Omong Jakarta" entwickelte. Als Muttersprache wurde sie innerhalb Indonesiens nur von den Minang Kerbau auf Sumatra gesprochen; erst das Rundfunk- und Fernseh-Zeitalter sollte ihr zu einer weiteren Verbreitung verhelfen.


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