HABIB BOURGUIBA

(03.08.1903* - 06.04.2000)

[Habib Bourguiba 1960]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1903*
03. August: Habib Bourguiba** wird als jüngstes von 8 Kindern von Ali und Fatouma Bourguiba in Monastir geboren. Sein Vater ist Offizier der Leibwache des Bey von Tunis - eines Marionettenherrschers von Frankreichs Gnaden -, nachmals Stadtrat von Monastir.

[Der Bey von Tunis]

(Tunesien ist seit 1881 "Protektorat", seit 1883 de facto Kolonie Frankreichs, obwohl die meisten europäischen Siedler Italiener sind, die seit einer Vereinbarung mit dem Bey von 1868 verstärkt eingewandert waren.)


1907
Bourguiba zieht zu seinem ältesten Bruder Mahamed, der in der Hauptstadt Tunis als Dolmetscher für die französische Protektoratsverwaltung arbeitet.
Er wird in das prestigeträchtige Collegium Sadiki aufgenommen, das auch die Söhne des Bey besuchen.

1914-18
Im Ersten Weltkrieg bewaffnet Frankreich seine afrikanischen und asiatischen Kolonialvölker, um sie an der Front zu verheizen, was überall eine gefährliche Lage schafft - so auch in Tunesien: Vor dem Krieg gab es dort lediglich ein paar krakelende Schüler, Studenten u.a. Jugendliche, die gegen die Besatzungsmacht demonstrierten, und die sich leicht mit Verhängung des Ausnahmezustands niederhalten ließen. Nach der vollmundigen Erklärung des "Selbstbestimmungsrechts der Völker" durch ihren großen Bruder wichtigsten Verbündeten, den US-Präsidenten Wilson, zum angeblichen Kriegsziel fällt es den Franzosen zunehmend schwerer, den status quo aufrecht zu erhalten - nicht nur moralisch, sondern auch militärisch.

1919
Nachdem Bourguiba zweimal wegen mangelhafter Leistungen in Klassischem Arabisch (der Sprache des Koran, die von dem in Tunesien gesprochenen modernen Dialekt stark abweicht, aber wegen ihrer Funktion als vermeintliche Klammer aller islamischen und vor allem arabischen Völker Hauptfach ist) sitzen geblieben ist, muß er das Collegium Sadiki verlassen; seitdem ist er zeitlebens gefeit gegen "panarabische" und/oder "islamistische" Ideen.

1920
In Tunis wird eine Verfassungspartei ("Destour") gegründet, die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit von Frankreich fordert. Sie wird bald verboten - ebenso wie die dazu gehörige Zeitung und die Gewerkschaft CGTT - und geht in den Untergrund. Der Ausnahmezustand wird bis 1921 verlängert.
Bourguiba zieht um zu seinem anderen Bruder Mahmoud und nimmt einen neuen schulischen Anlauf am Lyzeum Carnot - ebenfalls in Tunis -, wo er besser reüssiert.

1922/23
Bourguiba erfährt von den Erfolgen Mustafa Kemals, der den Sultán des Osmanischen Reichs abgesetzt, das Kalifat aufgehoben und die neue Türkische Republik als einen laizistischen Nationalstaat gegründet hat; der "Vater der Türken [Atatürk]" wird sein politisches Vorbild.

1924
Nach dem Abitur geht Bourguiba nach Paris und nimmt mit Hilfe eines Stipendiums ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Sorbonne auf.
(Bei der Gelegenheit soll er die Bekanntschaft national gesinnter Angehöriger anderer Kolonialvölker gemacht haben - u.a. des Vietnamesen Ho Chin Minh -; belastbare Belege dafür gibt es indes nicht.)
Die Franzosen setzen darauf, künftige "Eliten" aus den Eingeborenen ihrer Protektorate heran zu ziehen, in dem Glauben, sie dadurch ihrer Kultur - und damit auch ihrer Herrschaft - gewogen zu machen. Sie erreichen freilich das genaue Gegenteil.
Jenseits des Rheins erscheint das Buch eines angehenden deutschen Politikers, der das richtig erkannt hat und diese Bildungspolitik als einen schweren, ja verhängnisvollen Fehler der Kolonialherren - nicht nur der französischen - geißelt. Er meint, man sollte lieber in die Bildung der eigenen Volksgenossen investieren. (Für den Aufwand, den es koste, einen Neger, einen Inder oder einen Araber bis zum Studienabschluß zu bringen, könne man das 100 Weißen angedeihen lassen - eine Auffassung, die heute als zwar sachlich richtig, aber politisch unkorrekt völlig reaktionär und überholt gilt.)


Das Werk - das später zum weltweit meist gelesenen Buch des 20. Jahrhunderts*** - avancieren soll, wird damals freilich noch kaum zur Kenntnis genommen, schon gar nicht links des Rheins. (Eine Übersetzung ins Französische erscheint erst 1934.)

1927
Bourguiba schließt sein Studium ab, heiratet seine Zimmerwirtin, die 37-jährige Kriegerwitwe Mathilde Lefras (mit der er bereits einen 4 Monate alten Sohn hat) und kehrt nach Tunis zurück, wo er sich als Advokat niederläßt.


Nebenbei betätigt er sich politisch in der Destour-Partei und als Artikelschreiber für verschiedene Zeitungen.

1932
Bourguiba gehört zu den Mitgründern der Zeitung "L'Action tunisienne", die jedoch nach einem halben Jahr verboten wird.

1933
Bourguiba wird in das Exekutiv-Komitee der Destour-Partei gewählt, legt sein Mandat jedoch nach vier Monaten nieder.

1934
März: Auf einem Parteitag der Destour kommt es zur Spaltung. Bourguiba schließt sich den Abtrünnigen unter Mahmoud El Materi an und wird Generalsekretär der "Neo-Destour". (Sein Bruder Mahamed wird Schatzmeister.)
September: Der neue französische Kolonialminister Pierre Laval und sein "Generalresident [Gouverneur]" in Tunesien, Marcel Peyrouton, versuchen durchzugreifen: Bourguiba und andere Nationalisten werden nach Kébili (Südtunesien) verbannt und dort unter Hausarrest gestellt.

1936
Mai: Die neue "Volksfront"-Regierung unter dem jüdischen Kommunisten Léon Blum wirft das Steuer um 180° herum und macht den Tunesiern - und anderen Kolonialvölkern - Hoffnungen auf mehr Selbständigkeit ("Autonomie").
Bourguiba reist als Vertreter der Neo-Destour zu Geheimverhandlungen nach Paris, die jedoch ergebnislos bleiben, da er auf echter Unabhängigkeit ("Indépendance") besteht.

1937
Juni: Die "Volksfront" wird abgewählt. Die neue französische Regierung rückt von der Autonomie-Politik wieder ab.
Bourguiba scheitert mit dem - z.T. gewaltsamen - Versuch, eine "Wiedervereinigung" von Destour und Neo-Destour herbei zu führen.

1938
April: Um "Martyrer" zu schaffen, inszeniert Bourguiba als "Demonstrationen" bezeichnete Krawalle von Neo-Destour-Anhängern in Bizerta und Tunis, die schließlich von der Polizei zusammengeschossen werden; die Neo-Destour wird verboten und geht in den Untergrund.
Juni: Bourguiba - der nach dem Rücktritt von El Materi neuer Parteiführer ist - wird wegen Hochverrats und Anstifung zum Landfriedensbruch angeklagt, verurteilt und ins Zuchthaus Téboursouk eingeliefert.

1939
September: Großbritannien und Frankreich - beide mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Inland und Unabhängigkeitsbestrebungen in ihren Kolonien konfrontiert - erklären dem Deutschen Reich den Krieg, in dem Glauben, innere Zerrissenheit ließe sich am besten dadurch überwinden, daß man Aggressionen auf einen gemeinsamen äußeren Feind umlenkt und dadurch ein künstliches Zusammengehörigkeitsgefühl schafft. Auch finanzielle u.ä. Nöte ließen sich den Untertanen so am besten vermitteln; der bereits aus dem Ersten Weltkrieg stammende Satz: "L'Allemagne paiera tout [Deutschland wird alles bezahlen]" wird wieder ausgegraben.

1940
Mai: Nach Beginn des Westfeldzugs wird Bourguiba nach Frankreich verlegt.
(Er verbringt die nächsten beiden Jahre in Festungshaft auf Fort Saint-Nicolas bei Marseille, danach im Zuchthaus Montluc in Lyon.)
Als probates Mittel aus dem Ersten Weltkrieg setzt Frankreich wieder zwangsrekrutierte Truppen aus den Kolonien als Kanonenfutter ein; diesmal vermögen sie die Niederlage jedoch nicht abzuwenden; Frankreichs Ansehen als "Großmacht" nimmt schweren Schaden.


1942
November: Nach der Invasion Nordafrikas durch US-amerikanische Verbände landen deutsche und italienische Truppen in Tunesien, um sie aufzuhalten; sie rücken auch in das bisher unbesetzte Süd-["Vichy"-]Frankreich ein und lassen Bourguiba frei.
(Verantwortlich für seine Freilassung ist Klaus Barbie, der dafür nach dem Krieg übel verleumdet wird und als "Schlächter von Lyon" in die Geschichtsklitterung eingeht.)


1943
Januar: Bourguiba wird vom italienischen Duce Benito Mussolini als potentieller Verbündeter in Rom empfangen.
April: Bourguiba kehrt nach Tunis zurück. Die Hoffnung auf Befreiung ist jedoch nur von kurzer Dauer.
Mai: Die "Achsenmächte" erliegen der feindlichen Übermacht und müssen kapitulieren; Bourguiba wird von den "Befreiern" wieder unter Hausarrest gestellt.

1945
März/April: Bourguiba flieht über Libyen nach Ägypten.

1946-51
Bourguiba reist in der Weltgeschichte umher auf der Suche nach Unterstützung für sein Anliegen, Tunesien von der französischen Herrschaft zu befreien, jedoch ohne konkretes Ergebnis.

1952
Januar: Nach Ernennung des eingeborenenfreundlichen Sozialisten François Mitterrand zum Staatssekretär für Tunesien darf Bourguiba dorthin zurück kehren. Zum Dank ruft er in Bizerta gleich offen zur Revolte auf.


Die Neo-Destour wird erneut verboten, Bourguiba erneut nach Süd-Tunesien verbannt und unter Hausarrest gestellt.

1954
Juni: In Frankreich kommt erneut eine Links-Regierung unter dem Juden Pierre Mendès an die Macht, der im
Juli die "innere Autonomie" Tunesiens verkündet, in der Hoffnung, sich ein ähnliches Desaster wie in Indochina - das im selben Monat endgültig verloren geht - ersparen zu können.

1955
Februar: Mendès wird gestürzt; die neue französische Regierung bestätigt jedoch im
Mai die Autonomie Tunesiens.
Juni: Bourguiba kehrt nach Tunis zurück und läßt sich als "Befreier" feiern.


1956
März: Frankreich entläßt Tunesien - mit Ausnahme des Kriegshafens Bizerta - in die vollständige Unabhängigkeit. Die Regierung tut dies leichten Herzens, da es dort außer ein paar Besatzungsbonzen Verwaltungsbeamten kaum Franzosen, keine nennenswerten Bodenschätze, Industrie oder sonstige wirtschaftlichen Werte gibt, die Kolonialherrschaft also objektiv gesehen ein Verlustgeschäft ist. Die Regierung verkennt indes, daß durch diesen Rückzug auch Frankreichs Stellung im benachbarten Algerien - das ungleich wertvoller ist - untergraben wird.
(Cyniker könnten meinen, das sei den durchweg jüdischen Politikern, die damals an der Macht sind, ziemlich egal. Tatsache ist jedoch, daß unter den Millionen französischen Staatsbürgern in Algerien auch zahlreiche Juden sind, die auf keine bessere Behandlung hoffen dürfen als die Christen.)
Oktober: Der anti-kolonialen Bewegung Auftrieb gibt auch der gescheiterte Versuch Frankreichs - und Englands -, sich mit israelischer Hilfe den Besitz des Suez-Gebiets mit dem gleichnamigen Kanal nach Ablauf des Pachtvertrags gewaltsam zu sichern. Sie müssen sich unter dem gemeinsamen Druck der USA und der UdSSR - die beide glauben, sie könnten den ägyptischen Rais Gamāl 'Abd-äl-Nāsir [im Westen meist "Nasser" geschrieben] zu ihrer Marionette machen - zurück ziehen.

1957
25. Juli: Bourguiba erklärt Tunesien zur Republik. Der Bey wird abgesetzt und mitsamt seiner Familie unter Hausarrest gestellt. (Er stirbt 1962.)

1961
Bourguiba verlangt von Frankreich die Herausgabe Bizertas; als diese verweigert wird, versucht er, den Flottenstützpunkt von so genannten "Demonstranten" stürmen zu lassen, die sich aber nur blutige Nasen holen.
Bourguiba reist nach Washington D.C. in der Hoffnung auf US-Hilfe. Außer einer schönen Konfetti-Parade und warmen Grußworten ist dort aber nichts für ihn zu holen außer ein paar guten Tipps von Präsident John F. Kennedy in Sachen Nepotismus: So wie dieser seinen Bruder Robert zum Justizminister gemacht hat, macht Bourguiba seinen Sohn [Jean] Habib iun. zum Außenminister. (Dagegen läßt er sich von dessen inzwischen 71 Jahre alten Mutter sofort nach seiner Rückkehr aus den USA scheiden.)


1962
März: Enttäuscht von "den Kapitalisten" verkündet Bourguiba seine Hinwendung zum Sozialismus. (Doch auch die Sowjet-Union, der er damit zu imponieren hofft, hat für das relativ kleine und unbedeutende Land am Mittelmeer kein Geld übrig :-)
April: Bourguiba heiratet in zweiter Ehe seine langjährige Maitresse Wassila Bint Ammar. (Die Ehe bleibt kinderlos; das Ehepaar adoptiert jedoch ein Mädchen namens Hajer.)

1963
März: Bourguiba erklärt die Neo-Destour zur einzigen, sozialistischen Einheitspartei, verstaatlicht alle Privatunternehmen und stürzt Tunesien damit, nachdem die beschlagnahmten Ressourcen verbraten aufgebraucht sind, in eine schwere wirtschaftliche Krise.
Oktober: De Gaulle, der Algerien bereits im Vorjahr aufgegeben hatte, gibt nun auch Bizerta kampflos preis.
Zum Dank vertreibt Bourguiba ein paar Monate später die letzten noch verbliebenen Franzosen aus Tunesien.

1966
Bourguiba bricht die diplomatischen Beziehungen zu Ägypten ab, so daß ihm

1967
eine Beteiligung am desaströsen "Sechs-Tage-Krieg" gegen Israel erspart bleibt.
(Nach Nassers Tod söhnt er sich wieder mit Ägypten aus.)

1969
Nach sieben mageren Jahren sozialistischer Mißwirtschaft geht es den Tunesiern erheblich schlechter als einst unter französischer Herrschaft. Bourguiba, der vor den Scherbenhaufen seiner Politik steht, wirft das Steuer um 180" herum und bekennt sich wieder zum Kapitalismus.
Juli: Nach langem Herumreisen und Antichambrieren in europäischen Ländern erreicht Bourguiba ein vorläufiges Assoziierungsabkommen mit der EWG. Da Tunesien jedoch praktisch nichts hat, womit es Handel treiben könnte, kann es von den damit verbundenen Zollsenkungen kaum profitieren.
September: Bourguiba macht seinen Wirtschaftsminister Ahmäd Ben Salah zum Sündenbock für das wirtschaftliche Desaster (er wird abgesetzt, angeklagt und zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt) und den Bankier Hédi Nouira zu dessen Nachfolger.
Bourguiba beschließt, das einzige, was Tunesien noch hat - Wasser, Sand und Steine - zu Geld zu machen, indem er es dem aufkommenden westlichen Massentourismus öffnet. Neben Stränden und viel Sonnenschein bietet das "Land Hannibals" auch einige antike Ruinen - u.a. die Karthagos, in deren Nähe Bourguiba seine neue Residenz aufschlägt - als Reiseziele.


Der Zeitpunkt ist günstig: Italien, das "klassische" Reiseziel am Mittelmeer, schreckt durch sein zunehmend schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis immer mehr Urlauber ab; gegenüber Spanien, Portugal und Griechenland haben die Reiseveranstalter bis Mitte der 1970er Jahre politische Vorbehalte; Ägytpen und Israel sind nach wie vor nicht "sicher"; und die Türkei hat noch keine westlichen Ansprüchen genügende Infrastruktur.
Tunesien kann sich im Laufe der nächsten Jahre tatsächlich am Tourismus halbwegs sanieren.

1972
Bourguibas Versuch, mit einem "großzügigen" Investititionsgesetz ausländische Geldgeber anzulocken, hat dagegen so kurz nach den Enteignungen keinen nennenswerten Erfolg.

1973
Oktober: Im "Yom-Kippur-Krieg" - an dem sich Bourguiba halbherzig mit der Entsendung eines Regiments Infanterie nach Ägypten beteiligt - versuchen die arabischen Staaten erneut, Israel "von der Landkarte zu tilgen"; obwohl sie von der Sowjet-Union mit modernsten Waffensystemen und "Schulungs-Personal" unterstützt werden - während die USA (geführt von Präsident Nixon und seinem jüdischen Außenminister Kissinger) Israel in den Rücken fallen - mißlingt dies wiederum.

1974
Der Plan eines Zusammenschlusses von Tunesien und dem erdölreichen Libyen zur "Arabisch-islamischen Republik" scheitert an persönlichen Gegensätzen zwischen Bourguiba und Libyens "Revolutionsführer" Mu'ammar äl-Ģađđāfī.

1975
Bourguiba ernennt sich zum Präsidenten auf Lebenszeit.

1981
November: Bourguiba läßt wieder Oppositionsparteien zu und hält Parlamentswahlen ab. Die Neo-Destour gewinnt die absolute Mehrheit - die anderen Parteien vermuten Wahlbetrug.

1982
Bourguiba gewährt Yāsir 'Arafāt, dem Anführer der Terror-Organisation P.L.O., die von israelischen Truppen aus dem Süd-Libanon vertrieben worden ist, politisches Asyl in Tunis.

1983
Dezember: Bourguiba läßt einen von der linken Gewerkschaft UGTT angezettelten "Hungeraufstand" blutig nieder schlagen.

1984
Bourguiba ernennt den als Hardliner geltenden Geheimdienstchef Zine äl-Abidine Ben Ali zum Innenminister, der weiteren Unruhen vorbeugen soll (und dies auch tut).

1986
Nachdem andere Mittelmeerländer Tunesien in Sachen Tourismus den Rang abgelaufen haben,**** gerät letzteres in eine schwere Wirtschaftskrise.
Bourguiba muß Hilfe des Internationalen Währungsfonds in Anspruch nehmen und sich im Gegenzug verpflichten, wichtige Staatsbetriebe - u.a. die Télécom - zu privatisieren (d.h. sie an ausländische Investoren zu verkaufen).

1987
Oktober: Bourguiba ernennt Ben Ali zum Premierminister.
November: Ben Ali setzt Bourguiba wegen Altersschwachsinns ab, stellt ihn unter Hausarrest und macht sich selber zu seinem Nachfolger.
(Er schafft auch die Präsidentschaft auf Lebenszeit ab; statt dessen läßt er sich alle paar Jahre mit 99% der Wählerstimmen im Amt bestätigen :-)

2000
06. April: Habib Bourguiba stirbt in Monastir. Ehrengäste bei seiner Beerdigung sind 'Arafāt und der französische Staatspräsident Jacques Chirac.
Man errichtet Bourguiba ein Mausoleum und mehrere Denkmäler; zahlreiche Straßen und Moscheen werden nach ihm benannt.



* * * * *


2007
Juli: Der 50. Jahrestag der Republik Tunesien wird mit großem Pomp gefeiert; dabei werden auch Bourguibas Verdienste gebührend gewürdigt. Noch sieht niemand das Zeichen an der Wand.


2010
Dezember: Zwei Jahre nach der Machtergreifung des kenyanischen Krypto-Muslims Barack Hussein Obama beginnen die USA überall in Nordafrika und im Nahen Osten, wo noch laizistische, d.h. nicht fundamental-islamische Regierungen herrschen, blutige Aufstände anzuzetteln, was sie cynisch als "Arab spring [arabischer Frühling]" bezeichnen. Tunesien - wo man besonders blumig von "Jasmin-Revolution" spricht - ist das erste Opfer.


2011
Oktober: Nach Sturz und Flucht Ben Alis ins Ausland finden "freie Wahlen" statt, die von den Islamisten gewonnen werden.*****
Der Valuta-Tourismus bricht, nachdem mehrere nicht-muslimische Reisende angegriffen und einige sogar ermordet worden sind, vollständig zusammen; mit ihm entfällt die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Tunesien ist ruiniert, Bourguibas Lebenswerk nachhaltig zerstört.******


*So das amtliche Geburtsjahr. Nach eigenen Angaben ist B. 1901 geboren, nach anderen Quellen 1898.

**Arabisch "Ħabīb Ben Ali Būrgība". Da B. jedoch in einer französischen Kolonie geboren ist, auf französischen Schulen lesen und schreiben gelernt hat und auch sonst völlig französisch aufgewachsen ist, behält Dikigoros die französische Namensform bei.

***Dikigoros meint damit "im 20. Jahrhundert geschriebene Bücher". Er will nicht ausschließen, daß die Bibel, der Koran und einige im 19. Jahrhundert verfaßte Werke noch häufiger gelesen wurden. (Nicht berücksichtigt sind ferner Comic-Hefte von Walt Disney, Rolf Kauka und/oder Albert Uderzo :-)

****Entgegen weit verbreiteter Ansicht war dies nicht erst eine Folge des Terroranschlags vom August 1987 in Monastir. Dieser traf zwar auch Touristen, war aber wohl eher symbolisch gegen Bourguiba an dessen Geburtsort gerichtet. Der Tourismus auf Djerba - dem "tunesischen Mallorca" - ging noch fast ein Vierteljahrhundert weiter, wenngleich mit zunehmendem "Negativwachstum", auch weil es Tunesien nicht gelang, nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" die neuen osteuropäischen Touristen für sich zu gewinnen: Die Reichen urlaubten an der französischen Côte d'Azur, die weniger Reichen in der Türkei, und die Abenteuerlustigen in Ostafrika - Großwildjagd im Dschungel ist allemal interessanter als Kamelritte durch die tunesische Wüste. Aber das gehört nicht mehr zu Bourguibas Lebenslauf, sondern nur noch in eine Fußnote, ebenso die Feststellung, daß die tunesische Tourismus-Industrie im neuen Jahrtausend unter der Corona-Diktatur ohnehin zusammen gebrochen wäre.

*****Unbedarfte Zeitgenossen fragten entsetzt: Wie war das möglich? Hatte Tunesien nicht - zumindest auf dem Papier - mit das beste Bildungssystem in Afrika, auf quasi westlichem Niveau? Hätten dessen Absolventen nicht gegen radikal-islamische Anwandlungen gefeit sein müssen? Aber wer so fragt, verkennt die Realitäten: Die geburtenstarken Jahrgänge der Ära Bourguiba waren zwar pro forma sehr gut, de facto aber grottenschlecht "[aus]gebildet", nämlich am Bedarf vorbei: Kaum jemand hatte etwas Vernünftiges gelernt/studiert - wer wollte sich schon selbständig machen und einen Betrieb aufbauen, der dann doch vom Staat enteignet würde? -, sondern strebte in den per se unproduktiven Öffentlichen Dienst. Aber dort war selbst mit Beziehungen und Korruption irgendwann kein Unterkommen mehr; so entstand ein Proletariat arbeitsloser Akademiker mit überzogenen Ansprüchen und enttäuschten Hoffnungen. Eine ganze Generation fühlte sich betrogen und schielte sehnsüchtig auf die Staaten der arabischen Halbinsel: Deren strenggläubigen Fundamentalismus hatte Allah mit reichen Ölvorkommen belohnt; dort konnte jeder einen gutbezahlten Beamtenposten bekommen, ohne körperlich arbeiten zu müssen - das taten ausländische Sklaven Gastarbeiter. Das verwestlichte Gesellschaftsmodell war also des Teufels; im radikalen Islam lag das Heil! (Und nach diesem Motto wählten nicht nur die jungen Männer, sondern auch die jungen Frauen - die sich ebenfalls betrogen fühlten von all dem emanzipatorischen Gewäsch aus dem Westen, da sie sich für ihre "Gleichberechtigung" und "Bildung" offenbar nichts kaufen konnten - nicht mal einen gut verdienenden Ehemann :-)

******Dikigoros schreibt bewußt "nachhaltig..." Dagegen gelang es Ägypten - dem zweiten Opfer -, die Herrschaft der Islamisten bereits nach zweieinhalb Jahren wieder abzuschütteln; und Syrien - wo die USA und ihre Marionetten Verbündeten am meisten "investiert" hatten - widerstand dem von ihnen angezettelten Bürgerkrieg mit russischer Hilfe ein ganzes Jahrzehnt und beendete ihn schließlich siegreich.


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