WILHELM  CANARIS

(1.1.1887 - 9.4.1945)

[Wilhelm Canaris]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammen gestellt von
Nikolas Dikigoros

1887
1. Januar: Wilhelm Franz Canaris wird in Aplerbeck bei Dortmund als drittes und jüngstes Kind des Ingenieurs und Pionier-Officiers (OLt d.R.) Carl Canaris (1852-1904) und dessen Ehefrau Auguste Amélie (geb. Popp) geboren. Die Familie seines Vaters stammt aus Italien, die seiner Mutter aus Schlesien.

1892
Die Familie zieht nach Duisburg um, wo bald der größte Binnenhafen Europas entsteht.

1898
Canaris wird am - damals noch renommierten - Steinbart-Gymnasium in Duisburg aufgenommen.

1902
Auf einer Griechenland-Reise erfährt Canaris von einem entfernten Verwandten, Admiral Konstantin Kanaris, der sich in den Befreiungskriegen gegen die Türkei ausgezeichnet hatte. Daraufhin beschließt Canaris, Berufsoffizier in der Marine zu werden.

1905
April: Nach dem Abitur tritt Canaris in die Kaiserliche Marine ein. Er absolviert seine Grundausbildung an der Marineschule in Kiel und auf einem alten Segelschiff, der Kreuzercorvette Stein.


1907
Canaris wird zum Fähnrich z.S. befördert und als Rekrutenausbilder auf den Kleinen Kreuzer Bremen kommandiert.


1908
Canaris wird zum Leutnant z.S. befördert. Eine Südamerikafahrt der Bremen inspiriert ihn, Spanisch zu lernen.

1909
Die Bremen ist Teil der internationalen Blockadeflotte gegen Venezuela; wegen seiner Sprachkenntnisse nimmt Canaris an den Verhandlungen mit dem neuen Präsidenten Gómez teil.
Mai: Gómez verleiht Canaris den Bolivar-Orden (5. Klasse). Er wird Adjutant des neuen Kommandanten der Bremen, Kapitän z.S. Hopmann.

1910
Januar: Canaris wird II. Wachoffizier auf dem Torpedoboot "V 162".
Juni: Canaris wird I. Wachoffizier auf dem Torpedoboot "S 145".

1911
Dezember: Canaris wird zum Oberleutnant z.S. befördert und als Artillerieoffizier auf den Kleinen Kreuzer Dresden kommandiert.


1913
April: Während des Zweiten Balkankriegs operiert die Dresden auf Beobachterposten im östlichen Mittelmeer. Canaris erhält seinen ersten Spionage-Auftrag: Er soll den Fortschritt der mit deutschem Kapital finanzierten Bauarbeiten an der Bagdad-Bahn auskundschaften.
Dezember: Nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Mexiko wird die Dresden an die Ostküste Mittelamerikas kommandiert. Das Schiff nimmt einige deutsche, vor allem aber ca. 2.000 US-amerikanische Bürgerkriegs-Flüchtlinge auf.

1914
Juli: Die Dresden bringt den gestürzten Ex-Präsidenten von Mexiko, Viktor Werter ("Victoriano Huerta"), ins Exil nach Jamaika.
August: Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird die Dresden nach Südamerika beordert, vor dessen Küsten sie Kaperkrieg führen soll.
Dezember: Der Kommandeur des deutschen Ostasien-Geschwaders, Admiral Graf Spee, der im Vormonat bei Corrientes (südlich Valparaiso/Chile) ein englisches Geschwader besiegt hatte, riskiert einen Angriff auf weit überlegene britische Seestreitkräfte bei den Falkland-Inseln und geht mit Mann und Maus unter. Allein die Dresden entkommt um Kap Hoorn in chilenische Gewässer.

1915
März: Im Hafen der chilenischen Insel "Más a Tierra" wird die Dresden von überlegenen britischen Kräften gestellt, unter Verletzung der chilenischen Neutralität zusammen geschossen und daraufhin von der eigenen Besatzung versenkt. Die Besatzung wird auf der chilenischen Insel Quiriquina interniert.
August-Oktober: Canaris gelingt die Flucht nach Argentinien; auf einem niederländischen Frachter segelt er nach Amsterdam und kehrt von dort nach Deutschland zurück.
November: Canaris wird zum Kapitänleutnant befördert und zum deutschen Marine-Nachrichtendienst nach Madrid versetzt.

1916
Oktober: Canaris flieht unter abenteuerlichen Umständen auf einem deutschen U-Boot aus Spanien - wofür ihm das EK I verliehen wird - und wird an die U-Boot-Schule in Eckernförde kommandiert.

1917
September: Canaris wird dem deutschen U-Boot-Kommando im Mittelmeer zugeteilt und Kommandeur des Transport-U-Boots UC 27.

1918
Januar: Canaris wird kommissarischer Kommandant des Kampf-U-Boots U 34.
August: Canaris wird Kommandant des U-Boot-Kreuzers U 128, der jedoch nicht mehr zum Einsatz kommt.
November: Canaris wird in Kiel vom Ausbruch der Revolution überrascht, die zunächst hauptsächlich von meuternden Matrosen getragen wird, die nach Wilhelmshaven und Kiel auch Lübeck, Hannover, Braunschweig, Köln, Breslau, Dresden und Darmstadt besetzen.
Nach Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann erklärt sich Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) bereit, den "Bluthund" zu geben (ein Ausdruck, den seine Gegner begierig aufgreifen) und läßt zur Niederschlagung der Revolution Bürgerwehren, Freikorps, Marinebrigaden und vor allem die "Garde-Kavallerie-Schützen-Division" (GKSD) aufstellen. Canaris wird zunächst Verbindungsoffizier zwischen Hauptmann Pabst, dem I. Generalstabsoffizier der GKSD, und Noske, später Adjutant Noskes.*

1919
Januar: In Berlin rufen die jüdischen Kommunisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die "Spartakisten" der USPD/KPD zum Aufstand auf. Zu ihren Forderungen gehört u.a. die Aburteilung aller höherer Offiziere durch "Revolutionstribunale". Noske läßt die GKSD den Aufstand in Berlin niederschlagen, die beiden Rädelsführer verhaften und töten.
Canaris wird Beisitzer des Kriegsgerichts, das die Hintergründe des Todes von Liebknecht und Luxemburg weniger aufzuklären als zu vertuschen versucht. Canaris sorgt für milde Strafen und verhilft anschließend dem Hauptangeklagten zur Flucht aus dem Gefängnis. Er handelt dabei im Konsens mit der überwältigenden Mehrheit der Deutschen. Selbst die SPD-Zeitung Vorwärts schreibt über Liebknecht und Luxemburg: "Sie haben sich selbst bekannt als Bürgerkriegshetzer, als Proletariermörder, Brudermörder, und ewig muß ihnen das furchtbare Wort in den Ohren gellen: Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden." (Erst Jahrzehnte später, in der BRD, wird ihr Andenken von Kommunisten und Sozialisten, später auch von Sozial-"Demokraten", verklärt, und sie werden zu armen Opfern der "reaktionären" und "anti-semitischen" Militärs hoch stilisiert.)
November: Canaris heiratet die Fabrikantentochter Erika, geb. Waag. (Aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor.)

1920
März: Canaris unterstützt den Putschversuch von Walther von Lüttwitz und Wolfgang Kapp. Er wird inhaftiert, aber nach kurzer Zeit wieder frei gelassen. Trotz seiner Ablehnung der "Weimarer Republik" und des Versailler Diktatfriedens verbleibt er in seiner Position.
Angeblich schreibt er wiederholt Entlassungsgesuche, zieht diese jedoch wieder zurück. Belastbare Beweise dafür gibt es indes nicht.
Juni: Canaris wird Admiralstabsoffizier beim Kommando der Ostseeflotte.

1923
Juni: Canaris wird Erster Offizier auf dem Kleinen Kreuzer Berlin.

1924
Januar: Canaris wird zum Korvettenkapitän befördert.
Oktober: Canaris wird als Dezernent in die Marineleitung (neuer Name des Reichsmarineamts bzw. der Admiralität) berufen.

1927
Der Kommunist Carl v. Ossietzky wird Chefredakteur der Weltbühne, die sich - durch Ossietzky persönlich und durch Gregory Oliver - mehr und mehr auf Canaris einschießt wegen seiner Rolle bei der Tötung von Liebknecht und Luxemburg und beim "Kapp-Putsch". Canaris ist in der Marineleitung bald nicht mehr zu halten.

1928
Juni: Canaris wird als Erster Offizier auf das Linienschiff Schlesien weggelobtversetzt.

1929
Juni: Canaris wird zum Fregattenkapitän befördert.

1930
September: Canaris wird Chef des Stabs der Marinestation der Nordsee.

1931
Oktober: Canaris wird zum Kapitän zur See befördert.

1932
September: Canaris wird Kommandant der Schlesien.

1933
30. Januar: Canaris begrüßt die Berufung des NSDAP-Führers Adolf Hitler durch Reichspräsident Paul v. Hindenburg zum neuen Reichskanzler, mit der Deutschland nach Jahren der Präsidial-Diktatur wieder eine von einer parlamentarischen Mehrheit getragene Regierung erhält.

1934
September: Canaris wird Festungskommandant von Swinemünde - was als "Verabschiedungsposten" gilt.

1935
Mai: Überraschend wird Canaris zum Konteradmiral befördert und zum Chef der Abwehrabteilung im Reichskriegsministerium ernannt. Als solcher gerät er zunehmend in Konkurrenz zum Sicherheitsdiensts (SD), obwohl er zu dessen Chef Reinhard Heydrich, den er einst selber zum Nachrichtenoffizier ausgebildet hatte, ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.

1938
Nach der Fritsch-Blomberg-Affäre und den Rücktritten von Werner von Blomberg (wegen seiner Heirat mit einer angeblichen** Prostituierten) und Werner Freiherr von Fritsch (wegen angeblicher* Homosexualität) nutzt Canaris seine Stellung zur Organisation von Widerstand in der Wehrmacht. Er deckt die Widerstandsaktivitäten seines Stabschefs Hans Oster, fördert die Oppositionshaltungen von Ludwig Beck und gibt mehreren Widerstandsgruppen Informationen für einen Staatstreich. Seine Oppositionsaktivitäten werden durch seine vermeintlichen Erfolge in der Spionageabwehr lange Zeit verdeckt.

1939
In Verkennung der alliierten Kriegsabsichten - für den Chef der Spionageabwehr unverzeihlich - und in dem naiven Glauben, der Krieg gehe alleine von Hitler aus, versucht Canaris dessen Vertraute im In- und Ausland vor einem Krieg zu warnen. Auf seinen Einfluß ist es möglicherweise zurück zu führen, daß nach der Kriegserklärung Großbritanniens und Frankreichs an Deutschland im
September der italienische Duce Benito Mussolini zunächst seine "nonbelligerenza" erklärt und daß der spanische Caudillo Francisco Franco deutschen Truppen den Durchmarsch zur Eroberung Gibraltars verweigert, was den Krieg aller Voraussicht nach beendet hätte, bevor es zum Rußlandfeldzug und zum Holocaust gekommen wäre. Canaris wird damit zu einer Schlüsselfigur für die Verlängerung des Krieges, seine Ausweitung zum Zweiten Weltkrieg, die Zerstörung des Deutschen Reiches, die Entmachtung Europas und den weltweiten Aufstieg des Kommunismus. An seinen Händen klebt das Blut von Millionen Menschen. Wenn jemals der Tucholsky-Satz "Soldaten sind Mörder" auf einen Soldaten zutraf, dann auf ihn.


1940
Januar: Canaris wird zum Admiral befördert.
Er sabotiert den anstehenden Westfeldzug, indem er keinerlei Aufklärungsarbeit gegen den alliierten Aufmarsch in Frankreich und Belgien leistet.
Apologeten bemäntelten das später mit der Behauptung, Canaris habe den tollkühnen "Sichelschnitt"-Plan, den General Manstein Hitler gegen den Rat des Generalstabs schmackhaft gemacht hatte, für zu riskant gehalten. Er habe befürchtet, daß er in einer militärischen Katastrofe enden und zur Vernichtung Deutschlands durch die Alliierten führen würde. Wenn dem tatsächlich so war, dann wäre es seine Pflicht gewesen, sein Amt unter Hinweis darauf nieder zu legen; alles andere war Verrat.
Mai/Juni: Der Westfeldzug wird dennoch ein voller Erfolg.

1941
Nachdem auch der im
Juni begonnene Rußlandfeldzug anfangs große Erfolge zeitigt, schwinden die Zweifel der Generalität am "größten Feldherrn aller Zeiten" - der sie mit Orden, Beförderungen und Dotationen überschüttet - und ihre Bereitschaft, etwas gegen ihn zu unternehmen. Auch Canaris verringert seine "Widerstands"-Aktivitäten. Er beschränkt sich auf Proteste gegen die Erschießung sowjetischer Partisanen und Fluchthilfe für politisch Verfolgte.

1942
Nachdem der Rußlandfeldzug ins Stocken geraten und klar geworden ist, daß dies durchaus nicht nur an "General Winter" liegt, werden Stimmen laut, die Canaris & Co. kritisieren, weil er die Wehrmacht in völliger Unkenntnis nicht nur der quantitativen Überlegenheit an Soldaten, sondern auch der quantitativen und qualitativen Überlegenheit an Waffen gelassen hat.
Apologeten - und sowjetische Memoirenschreiber - behaupteten später, die Sowjet-Union sei so perfekt gegen Spionage abgeschirmt gewesen, daß eine diesbezügliche Aufklärungsarbeit auch bei bestem Willen gar nicht möglich gewesen wäre. Das wagt Dikigoros indes stark zu bezweifeln.

1943
April: Oster gerät in Verdacht, ein Verräter zu sein und wird beurlaubt. Es gelingt Canaris jedoch, die Ermittlungen zu behindern, so daß ihm bis zum 20. Juli 1944 nichts weiter geschieht.

1944
Februar: Nachdem ein Agenten-Ehepaar mit Canaris' Hilfe über die Türkei zu den Briten übergelaufen ist, wird er seines Postens enthoben. Die Abwehrabteilung im Reichskriegsministerium wird vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) übernommen.
Juni: In der Normandie gelingt die Landung der Alliierten - die im englischen Kanal die größte Invasionsflotte der Weltgeschichte zusammen gezogen hatten, ohne daß Canaris bzw. seine Nachfolger das bemerkt haben [wollen].
Das klingt zwar unglaublich; aber man sollte die Auswirkungen dieses - gewollten oder ungewollten - Versäumnisses nicht überbewerten. Vieles spricht dafür, daß Hitler Hinweise auf einen anderen Invasionsort als den Pas de Calais als "Spielmaterial" bzw. "Ablenkungsmanöver" betrachtet und ignoriert hätte.
Juli: Canaris wird drei Tage nach dem Attentat vom 20.7. auf Hitler - dem er in einem merkwürdigen Verständnis von "Verrat" oder "nicht Verrat" ablehnend gegenüber stand - verhaftet.***

1945
9. April: Canaris wird zusammen mit Oster im Konzentrationslager Flossenbürg wegen Hochverrats durch den Strang hingerichtet.

* * * * *

1948
Horst Falkenhagen veröffentlicht "Gespräche mit Canaris".
Hinter "H.F." verbarg sich der falsche Oberst Friedrich Wilhelm Heinz; jene Gespräche sind wahrscheinlich ebenso frei erfunden wie die "Gespräche mit Hitler" des notorischen Lügners und Aufschneiders Hermann Rauschning. Wie dem auch sei, wird Heinz 1953 geschaßt - er hatte für Bundeskanzler Adenauer einen kleinen, quasi-privaten Geheimdienst aufgebaut - und das Buch aus dem Verkehr gezogen. Es wird heute allenthalben (außer bei Dikigoros :-) tot geschwiegen.

1949
Die Canaris-Biografie ("Patriot und Weltbürger") des aus dem "Lande arimasen" [Japan] heim gekehrten Karl Heinz Abshagen erscheint.

1950
Die Canaris-Biografie ("Zwischen den Fronten") von Heinz Kiel erscheint.

1951
Die Canaris-Biografie des britischen Journalisten und vormaligen Berlin-Korrepondenten Ian Colvin erscheint mit verschiedenen Untertiteln ("Master Spy", "Chief of Intelligence", "Our Secret Ally"). Darin wird die These vertreten, daß Canaris von Anfang an auf Seiten der Alliierten gestanden habe und u.a. die Pläne für die Operation "Seelöwe" an England verriet.


1952
Antonio Trizzino veröffentlicht "Navi e poltrone [Schiffe und Sessel - im übertragenen Sinne auch 'Schreibtischtäter', dialektal auch 'Feiglinge']" (dts. Übersetzung unter dem Titel "Die verratene Flotte - Tragödie der Afrikakämpfer") und deckt damit auf, daß Canaris nicht der einzige Geheimnisträger und -verräter im Admiralsrang auf Seiten der Achsenmächte war. Francesco Maugeri (1898-1978), Leiter des Servizio Informazioni Militare Segrete [Militärischer Geheimdienst] verriet mit seinen Helfershelfern Bruno Brivonesi, Gino Pavesi und Priamo Leonardi Termine und Routen aller von Italien nach Nordafrika auslaufenden Schiffe an die Briten, die sie so problemlos versenken konnten - lediglich Kommandanten, die "den Braten rochen" und befehlswidrig eine andere Route nahmen, kamen durch. Während die tatsächlichen Auswirkungen von Canaris' Verrat schwer abzuschätzen sind, wird klar, daß durch Maugeris Verrat der Afrikafeldzug verloren ging - für Italien eine kriegsentscheidende Niederlage.


Das Buch schlägt ein wie eine Bombe, da Vaterlandsverrat in Italien damals noch nicht als "politisch korrekt" gilt. Maugeri - inzwischen Admiralstabschef, Vizepräsident des Oberkommandos der Streitkräfte und NATO-Rats-Delegierter Italiens - bestreitet alles und zerrt Trizzino vor Gericht. Korrupte Richter in Mailand verurteilen letzteren daraufhin in I. Instanz zu 2 Jahren und 4 Monaten Gefängnis und Schadensersatz wegen "Rufschädigung" in Millionenhöhe. In II. Instanz wird er jedoch freigesprochen, da er nunmehr seine Vorwürfe beweisen darfkann.
Das war nicht weiter schwierig, wenn die Beweismittel denn zugelassen wurden: Maugeri war unvorsichtlich genug gewesen, 1948 ein Buch mit dem Titel "From the Ashes of Disgrace" in den USA zu veröffentlichen, in dem er seinen Verrat nicht nur einräumte, sondern sich dessen sogar rühmte - wofür er mit den höchsten alliierten Orden ausgezeichnet wurde. Er glaubte allen Ernstes, daß dieses sein Buch in Italien unbekannt bleiben würde. Er wird jedoch nicht etwa unehrenhaft entlassen oder gar wegen Hochverrats vor Gericht gestellt, sondern 1955 mit vollen Bezügen in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet.


Als Trizzino 1960 auch die - inzwischen ebenfalls zu Admirälen avancierten - Domnenico Cavagnari, Arturo Riccardi und Raffaele de Courten des Hochverrats überführt, erläßt die italienische Regierung 1961 ein Dekret, das die Strafverfolgung wegen Hochverrats im Zweiten Weltkrieg - soweit dieser zu Gunsten der Alliierten begangen wurde - verbietet. Dikigoros will seinen Lesern nicht vorenthalten, daß Trizzino einen persönlichen Grund hatte, der höheren militärischen Führung "an den Wagen zu karren": Er hatte 1938 als Marineflieger ein neuartiges Luft-Boden-Torpedo entwickelt und zum Patent angemeldet, das lukrative Einnahmen versprach. Daraufhin wurde er von korrupten Vorgesetzten des Plagiats bezichtigt, um diese Gewinne jemand anderem zuschanzen zu können (das ist inzwischen unstreitig, obwohl er zu Lebzeiten nie rehabilitiert wurde) und unehrenhaft entlassen. Aber das Motiv "Rache" steht der Richtigkeit der zu diesem Zweck aufgestellten Behauptungen halt nicht immer entgegen.

1954
Der Film "Canaris", von Alfred Weidenmann nach einem Drehbuch des Krimi-Autors Herbert Reinecker gedreht, kommt in die Kinos. Er beruht allerdings weniger auf Fakten als auf Fantasie und vermeidet eine Auseinandersetzung mit der Frage, ob Canaris ein Verräter war oder nicht.
H.R. war ein vorsichtiger Mann - mußte es sein, da er höherer SS-Führer (Hauptschriftleiter wichtiger NS-Propaganda-Organe) gewesen war. So gelang es ihm, bis an sein Lebensende darob ungeschoren zu bleiben, während arme kleine Würstchen, die in seinen Filmen mitspielten, wie z.B. Horst Tappert alias "Derrick" - der einfacher Schütze ArschGrenadier der Waffen-SS gewesen war - darob Jahrzehnte später geächtet und Filme, in denen sie mitgewirkt hatten, in staatlichen Medien nicht mehr gezeigt werden durften.

1955
Februar: Der Film "Verrat an Deutschland" von Veit Harlan kommt in die Kinos. Er befaßt sich hauptsächlich mit den Vorgängen in Japan, insbesondere dem Spion Richard Sorge, wobei Harlan - dessen Berufsverbot als "Nazi-Regisseur" gerade erst aufgehoben wurde - wohlweislich bemüht ist, anti-nazistisch und pro-sowjetisch zu drehen und aus dem Verräter Sorge einen Quasi-Helden zu machen.


Unter Hinweis auf diese offensichtliche Geschichtsklitterung war der Film im Januar 1955 von der FSK zunächst verboten worden; auf Anweisung der Bundesregierung wurde er nur 2 Wochen später nach minimalen kosmetischen Änderungen frei gegeben. Damit zeichnet sich eine Wende in der offiziellen Vergangenheitsbewältigungs-Politik der BRD ab: Bis dahin galt es als Verrat an Deutschland, gegen Deutschland gearbeitet zu haben; fortan wird dies als verdienstvoller "Widerstand gegen das Hitler-Regime" hingestellt; eine Biografie wie die Abshagens, die Canaris' Tätigkeit gegen Deutschland bestreitet, gilt von nun an als kontraproduktiv und wird nicht wieder aufgelegt.

1957
Die Canaris-Biografie von Ian Colvin erscheint in einer erweiterten Neuauflage mit dem Untertitel "Hitler's Secret Enemy".

1962
April: Im Nachrichtenmagazin Der Spiegel bekennt sich der mittlerweile 82-jährige und todkranke Waldemar Papst unter dem Titel "Ich ließ Rosa Luxemburg richten" freimütig zur Rolle der GKSD bei Tode von Liebknecht und Luxemburg.

1969
Die Canaris-Biografie von Heinrich Fraenkel und Roger Manvell ("Spion im Widerstreit") erscheint.

1973
Die Canaris-Biografie von Ian Colvin wird erneut aufgelegt mit dem Untertitel "Patriot or Traitor". Bei dem "oder" geht es freilich nicht mehr um das Factum, daß Canaris gegen Deutschland arbeitete, sondern nur noch darum, wie dies zu werten sei: als Verrat oder als "patriotische" Tat.

1974
Die Canaris-Biografie von André Brissaud - von Ian Colvin heraus gegeben - erscheint.

1976
"Patriot im Zwielicht", die differenzierte Canaris-Biografie des "Totenkopf"-Autors Heinz Höhne, erscheint. Eine überzeugende Erklärung der Motive des zwielichtigen Admirals wird allerdings nicht gegeben.


1987
Zu Canaris' 100. Geburtstag wird er in der BRD offiziell als "antifaschistischer Widerstandskämpfer" und früher Gutmensch dargestellt.

1996
Die Canaris-Biografie von Ian Colvin wird in Ungarn neu aufgelegt.


*Knapp ein Jahrhundert später führt ausgerechnet diese Tätigkeit Canaris' zu einem erbitterten Streit zwischen jüdischen Lobbyisten-Verbänden über die Frage, ob er in die Liste der "Gerechten unter den Völkern" aufgenommen werden darf oder nicht. [In ihrer Selbst-Gerechtigkeit sind die Juden der Auffassung, daß dies nur mit Leuten geschehen darf, die sich große Verdienste um das Judentum erworben haben.] Beide Seiten führen eher schwache Argumente an. Pro: Er habe 1940 dem Rabbiner Isaak Schneersohn u.a. Angehörigen des Chabad-Clans zur Flucht verholfen. [Allerdings fehlt es dafür an belastbaren Beweisen, zumal alle möglichen Zeugen längst verstorben sind.] Contra: Er sei Mitglied eines Freikorps gewesen, und "die" Freikorps hätten "gegen die Juden gehetzt"; deshalb könne keines ihrer Mitglieder ein "Gerechter" sein. [Tatsächlich war Canaris selber kein Freikorps-Mitglied.] Dikigoros hat nie heraus bekommen, was wirklich hinter jenem Streit steckte.

**Dikigoros bezweifelt, daß Frau Blomberg tatsächlich Prostituierte war; dagegen würde er Fritsch' Homosexualität nicht vollständig ausschließen; er schreibt darüber an anderer Stelle mehr.

***Bei "Widerständlern" soll Material gefunden worden sein, das Canaris als Mitwisser belastete. Juristisch war das allemal für eine Verurteilung ausreichend, denn der Mitwisser eines Verbrechens, der dieses nicht zur Anzeige bringt oder seine Ausführung selber verhindert, gilt in allen Rechtsordnungen der Welt - auch der deutschen (§ 138 StGB, in den meisten Gesetzessammlungen ungenau mit "Nichtanzeige geplanter Straftaten" überschrieben, obwohl sich das nicht auf alle Straftaten, sondern nur auf einzeln aufgeführte Verbrechen bezieht) - selber als Verbrecher.


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