Andrej Wlassow

(1900 - 1946)

[Wlassow]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1900*
14.** September: Andrej Andrejewitsch Wlassow*** wird in Lomakino als 8.**** Kind eines Bauern geboren.

1910
Wlassow wird in das Priesterseminar in Nishnij-Nowgorod aufgenommen.

1914-1918
Erster Weltkrieg

1917
Machtergreifung der Bolschewiki. Die orthodoxe Kirche wird als "Relikt der Tsarenzeit" angesehen; die Aussichten für eine Priester-Laufbahn sind auf absehbare Zeit trübe.

1918
Wlassow bricht seine theologische Ausbildung ab und nimmt ein Studium der Landwirtschaft auf.

1919
März: Wlassow wird in die "Rote Armee" eingezogen. Auf dem Territorium des einstigen Tsarenreichs herrscht Bürgerkrieg zwischen "Roten" und "Weißen".
Oktober: Wlassow wird zum Leutnant ernannt und der 2. Don-Division zugeteilt, die an der Südfront kämpft.

1920
November: Der Bürgerkrieg endet mit dem Abzug der letzten "weißen" Truppen; die "Rote Armee" wird weitgehend demobilisiert; Wlassow wird jedoch als Berufsoffizier übernommen, im Range eine Hauptmanns und Kompagniechefs.

1924
Wlassow wird Leiter der Regimentsschule des 26. Schützenregiments.

1928
Wlassow absolviert in Moskau den Stabsoffiziers-Lehrgang.

1929
Wlassow wird zum Major befördert und Bataillons-Kommandeur im 26. Schützenregiment.

1930
Wlassow wird Instrukteur an der Militärakademie in Leningrad. Er tritt der KPdSU bei.

1933
Wlassow heiratet die Tochter eines "Kulaken" aus seinem Heimatdorf. Aus der Ehe geht ein Sohn hervor.

1935
.

1938
März: Wlassow wird zum Oberst befördert und zum Leiter der Militärausbildung im Wehrkreis Kiew ernannt.
Als linientreuer Kommunist ist er von den "Säuberungen" im Zusammenhang mit der "Affäre Tuchatschewskij" - der mehr als die Hälfte der höheren Offiziere der "Roten Armee" mitsamt ihren Familienangehörigen zum Opfer fallen - nicht betroffen.
November: Wlassow wird als militärischer "Berater" für die chinesische Regierung Tschiang Kai-sheks nach Tschungking versetzt.

1939
September:
November: Wlassow kehrt in die Sowjet-Union zurück und wird zum Kommandeur der 99. Schützen-Division ernannt.


1940
Juni: Wlassow wird zum Generalmajor befördert.
September: Wlassows Division wird als die beste der "Roten Armee" ausgezeichnet.
November: Wlassow veröffentlicht "Neue Methoden der Truppenausbildung".

1941
Januar: Wlassow wird als Kommandeur des IV. Panzerkorps nach Lemberg versetzt.
Februar: Wlassow wird der Lenin-Orden verliehen.
22. Juni: Beginn des Rußlandfeldzugs.
Juli: Wlassow wird zum Kommandeur der 37. Armee in Kiew ernannt.
September: Nach der Kesselschlacht von Kiew durchbricht Wlassow mit einigen Regimentern die deutschen Linien und schlägt sich nach Osten durch, während ca. 600.000 Rotarmisten es vorziehen, sich in deutsche Kriegsgefangenschaft zu begeben.
Oktober: Wlassow wird von Stalin persönlich empfangen und zum Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes ernannt.


November: Wlassow wird zum Kommandeur der 20. Armee ernannt, die er aus Arbeiterbrigaden und Gefängnisinsassen aufstellen soll, um Moskau zu verteidigen.
Dezember: Statt dessen fängt Wlassow eigenmächtig frisch aus Sibirien heran geführte Einheiten ab, die eigentlich für andere Frontabschnitte vorgesehen sind, und schlägt mit ihnen den deutschen Angriff zurück.

1942
Januar: Wlassow wird der "Orden der Roten Fahne" verliehen; er wird zum Generalleutnant befördert
März: Wlassow wird zum stellvertretenden Kommandeur der Heeresgruppe Nordwest ("Nordwestfront") ernannt, die bei einem mißglückten Gegenangriff am Wolchow von deutschen Truppen eingekesselt worden ist.


Mai: Beim Zusammenbruch der "Nordwestfront" lehnt es Wlassow ab, sich ausfliegen zu lassen und taucht statt dessen mit wenigen Getreuen unter.
Juli: Wlassow gerät in Tuchowetschi in deutsche Kriegsgefangenschaft.
September: Wlassow wird nach Berlin überführt. Nach einigem Zögern stellt er sich für die Bildung einer anti-stalinistischen "Russischen Befreiungsarmee (R.O.A.)" zur Verfügung.*****
Dezember: Wlassow bildet in Smolensk ein Komitee, das die Russen zur Beseitigung des Sowjet-Systems aufrufen soll.

1943
Januar: Wlassow gelingt es, Alfred Rosenberg, den Reichsminister für die besetzten Ostgebiete", von seinem Konzept zu überzeugen; diesem gelingt es jedoch nicht, das Konzept auch bei Hitler durchzusetzen.******
Auch der Versuch einiger höherer SS-Offiziere, Himmler von Wlassows Konzept zu überzeugen, schlägt fehlt*******, ebenso der Versuch Wlassows, Baldur von Schirach bei einem persönlichen Gespräch in Wien für seine Sache zu gewinnen.
Juni: Hitler verbietet Wlassow, sich weiterhin politisch zu betätigen.
Gleichwohl bezeichnet ihn Roosevelts oberster Hetz- und Greuel-PropagandistVolksaufklärer, der widerliche jüdische Schmierfink begnadete Zeichenkünstler Arthur Szyk - der schon vor dem Krieg sein Können als solcher wiederholt unter Beweis gestellt hat - als "den russischen Quisling".


kleine Auswahl von Arthur Szyks rassistischen Machwerkengut-demokratischen Meisterwerken: links Hindenburg, mittig Hirohito (3x), rechts Wlassow

Juli: Wlassows Vertreter, Generalmajor Malyschkin, trifft sich in Paris mit tsaristischen Exilanten, um über sie Kontakte mit den West-Alliierten zu knüpfen, auf deren Hilfe er naïverweise hofft.
September: Nachdem vereinzelte R.O.A.-Einheiten desertiert sind, befiehlt Hitler die Verlegung aller Wlassow-Soldaten in den Westen. (Angehörige der Kosaken-Verbände des Generalmajors Pannwitz und der Waffen-SS sind nicht betroffen.)
Eine Begegnung Wlassows mit General a.D. Krasnow, der eine Kosaken-Armee aufstellen soll, bleibt ergebnislos, da Wlassow den Oberbefehl auch über die Kosaken beansprucht, was diese ablehnen.

1944
November: Wlassow darf in Prag das "Komitee zur Befreiung der russischen Völker [Komitet Oswoboschdenija Narodow Rossiji]" gründen.

1945
Januar: Wlassow erhält wieder ein Kommando über drei aus russischen Kriegsgefangenen gebildete Divisionen.
Februar: Auf der Konferenz von Jalta sichern die Westalliierten Stalin zu, alle bei Kriegsende in ihrem Machtbereich befindlichen "Sowjetmenschen" - auch Zivilisten - an ihn auszuliefern.
(Da Stalin grundsätzlich jeden, der während des Krieges nach Deutschland gelangt ist, als "Deserteur" betrachtet, bedeutet dies das Todesurteil für Millionen Betroffene. Obwohl dies inzwischen allgemein bekannt ist, werden diese Opfer Stalins von der offiziellen Geschichtsschreibung der BRDDR noch heute unter "in deutscher Gefangenschaft umgekommen" geführt.)


Mai: Die R.O.A. kehrt ihre Waffen gegen die Deutschen - die Skeptiker haben Recht behalten.
Dies war kein Einzelfall und beschränkte sich auch nicht auf Russen. Bereits im April 1945 hatte das auf der niederländischen Insel Texel stationierte, aus sakartwelischen Freiwilligen gebildete Georgische Infanteriebataillon 822 "Königin Tamar" die Seiten gewechselt, 400 deutsche Soldaten im Schlaf ermordet und versucht, die Insel in seine Gewalt zu bringen. Die Kämpfe dauerten auch nach der Kapitulation der Wehrmacht im Mai noch 12 Tage weiter an - die Alliierten sahen genüßlich zu, wie sich ihre Gegner gegenseitig umbrachten.
Die R.O.A. kapituliert gegenüber den ins Protektorat Böhmen und Mähren einrückenden US-Truppen; ihre Angehörigen werden umgehend an die Sowjets ausgeliefert.

1946
Juli: Wlassow wird in Moskau wegen Hochverrats vor Gericht gestellt.
2. August: Wlassow wird zum Tode verurteilt und gehenkt.


* * * * *

1951
Der Deutsch-Russe Edwin Erich Dwinger veröffentlicht "Wlassow - Eine Tragödie unserer Zeit" (spätere Neuauflage unter dem Titel "General Wlassow - Die Tragödie des Ostens").


1952
Jürgen Thorwald veröffentlicht "Wen sie verderben wollen..."********. (Die 2. Auflage erscheint 1974 unter dem Titel "Die Illusion. Rotarmisten in Hitlers Heeren". Die 3. Auflage erscheint 1995 unter dem Titel "Die Illusion. Rotarmisten gegen Stalin" - auch in englischer und französischer Übersetzung.)


1968
Sven Steenberg********* veröffentlicht "General Wlassow - Verräter oder Patriot?" (Das Buch erscheint auch in englischer Übersetzung.)


1970
Wilfried Strik-Strikfeldt********* veröffentlicht "Gegen Stalin und Hitler. General Wlassow und die russische Freiheitsbewegung". (Das Buch erscheint auch in englischer und französischer Übersetzung.)


1980
Ernst Kiefer veröffentlicht "Wlassow - Eine deutsch-russische Tragödie".


1994
Juli: Aleksandr Solzhenitsyn veröffentlicht in Nowyj Mir "Die russische Frage am Ende des 20. Jahrhunderts". Darin wird erstmals auf russischem Boden offen eine Rehabilitierung Wlassows versucht.

1998
S. Drobjasko und A. Karaschuk veröffentlichen in Moskau "Der Zweite Weltkrieg 1939-1945. Die Russische Befreiungsarmee", eine vollständige Rehabilitierung Wlassows.
(Eine deutsche Übersetzung darf in der BRDDR nicht erscheinen, da sie die "Alleinschuld" Hitlers am Zweiten Weltkrieg im allgemeinen und am Rußlandfeldzug im besonderen relativieren könnte. Man beachte die ungewöhnliche Wortwahl der beiden Ukraïner: Bis dahin sagte und schrieb man: "Der große vaterländische Krieg"; und Wlassows Truppen als "Befreiungsarmee" zu bezeichnen war völlig undenkbar.)


2003
Joachim Hoffmann veröffentlicht "Die Tragödie der Russischen Befreiungsarmee 1944/45. Wlassow gegen Stalin".


*nach anderen Quellen: 1901

**nach altem Kalender: 1. September

***richtig: Wlaßów (mit mittellangem, aber unbetontem "a", nur einem - scharfen - "s" und betontem "o"); Dikigoros folgt hier ausnahmsweise der falschen, aber in Deutschland üblichen Transskription.

****nach anderen Quellen: als 13. Kind

*****Über Wlassows Motive sind im Nachhinein viele müßige Spekulationen angestellt worden, wobei Schwarz-weiß-Fragen wie "Patriot oder Verräter" schwerlich zu brauchbaren Antworten führen. Bei Wlassow und seinen Mitstreitern in der "Russischen Befreiungsarmee" und dem "Smolensker Komitee" dürfte mehrere Gründe zusammen gekommen sein, die wahrscheinlich denen ähnelten, die nach der verlorenen Schlacht von Stalingrad gefangene deutsche Offiziere dazu veranlaßten, sich Stalin zur Verfügung zu stellen ("Bund Deutscher Offiziere", "Nationalkomitee Freies Deutschland"): Verärgerung über Fehlentscheidungen der eigenen militärischen Führung, opportunistische Hoffnung auf bessere Behandlung in Gefangenschaft und vor allem falsche politische Versprechungen, denen man leichtfertig glaubte. So wie die Sowjets den deutschen Offizieren Hoffnungen auf ein "Neues Deutschland" machten, so wurde Wlassow von untergeordneten deutschen Stellen ohne Wissen und Wollen der Reichsregierung u.a. die Wiederherstellung Rußlands in den Grenzen von 1941 unter eigener Verwaltung und mit eigenen Streitkräften als vollwertiger Verbündeter des Deutschen Reichs zugesagt. Man mußte weder ein besonderer Patriot noch politisch besonders engagiert sein (sondern nur reichlich naïv), um auf solche Märchenschlösser herein zu fallen. Weder hüben noch drüben waren die Angehörigen jener beiden Komitees vor ihrer Gefangennahme auf die Idee gekommen, sich aus "Patriotismus" o.ä. edlen Motiven gegen ihre Regimes zu stellen, deren Politik sie angeblich so strikt ablehnten. Entgegen anders lautenden Gerüchten stellte sich Wlassow den Deutschen auch nicht freiwillig, sondern versuchte vielmehr, ihnen zu entkommen; er wurde durch einen anti-stalinistischen Dorfschulzen festgesetzt und an die deutschen BefreierBesatzer verraten.

******Auch über Hitlers Motive braucht man nicht lange zu spekulieren. Wenn man nicht der abwegigen - aber heute herrschenden, da amtlich verordneten - Theorie folgen will, daß er "alle Russen und anderen Sowjetbürger versklaven" wollte, mußte er sich zwischen zwei Alternativen entscheiden: entweder Unterstützung der von den Russen schon längst vor Sowjetzeiten unterdrückten kleineren Völker oder aber Unterstützung der Russen bei eben dieser Unterdrückung, um sich mit dem stärksten Volk zu verbünden. Man muß keine besonders edlen Motive unterstellen, wenn Hitler der ersteren Lösung zuneigte - die Erfahrung sprach einfach für sie: Sowohl die Kosaken in der Ukraïne als auch die Weißrussen unter dem heute so gut wie vergessenen Dimitrij Kosmowitsch erwiesen sich als äußerst wertvolle, von Anfang bis Ende zuverlässige Verbündete - was man von Wlassows Leuten nicht behaupten kann. Wlassow war in seinen "großrussischen" Allmachts-Fantasien nicht bereit, den kleineren Völkern auch nur die geringsten Zugeständnisse in Sachen Selbstverwaltung zu machen - wie es die Deutschen ohne weiteres taten -, geschweige denn kulturelle Autonomie oder gar volle Unabhängigkeit zu gewähren; er war ein erbitterter Feind aller "Separatisten". Insoweit war Hitlers Mißtrauen durchaus begründet; daß sich die kleineren Völker - neben den bereits erwähnten auch die des Baltikums und des Kaukasus - schließlich als zu schwach erwiesen, um im Bündnis mit ihnen die Russen zu besiegen, zeigt, daß Hitler & Co. im Ergebnis auf die falsche Karte setzten. Auf einem anderen Blatt steht, daß auch die kleineren Völker viel zu spät und in viel zu geringem Umfang für den Kampf gegen die Sowjet-Union heran gezogen wurden.

*******Auch Himmler entschied sich letztlich gegen die "Großrussen" und für die kleineren Völker. Am Ende des Zweiten Weltkriegs kämpfen in der Waffen-SS mehr Angehörige der osteuropäischen Minderheiten - nicht nur aus der Sowjet-Union, sondern auch aus Jugo-Slawien - als Deutsche.

********"... den schlagen die Götter mit Blindheit". Angeblich zitierte ein deutscher Offizier diesen Satz - über dessen Ursprung (griechisch? römisch?) die Gelehrten bis heute streiten - Ende Mai 1943 während einer Konferenz in Mauerwald, auf der höhere Offiziere der Wehrmacht vergeblich versuchten, Angehörige der politischen Führung vom Konzept Wlassows zu überzeugen.

*********Sowohl Steenberg als auch Strik-Strikfeldt waren Wehrmachts-Dolmetscher, die als Verbindungsleute zu Wlassow fungierten.


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