JUAN  PERÓN

(1895 - 1974)

[Juan Perón]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1895
8. Oktober: Juan Domingo Perón Sosa wird als zweiter von drei unehelichen Söhnen des Viehzüchters Mario Perón in Lobos geboren.
Er wächst bei seinen Tanten väterlicherseits in Olivos, einem Vorort von Buenos Aires auf, wo er die Grundschule und das Colegio Internacional besucht.

1911
März: Perón wird in das Colegio Militar de la Nación (der preußischen Hauptcadettenanstalt entsprechend) in Buenos Aires aufgenommen.
(B.A. gilt als eine der modernsten Städte der Welt, seit es in den 1880er Jahren nach dem Vorbild der unter Napoléon III umgestalteten Hauptstadt Frankreichs großzügig zum "Paris Südamerikas" ausgebaut wurde - auf Pump am Finanzmarkt London. Seit den 1890er Jahren steht Argentinien am Rande des Staatsbankrotts; die Zinsen auf seine Staatsanleihen kann es längst nicht mehr bedienen, geschweige denn sie einlösen.)

1913
Dezember: Perón schließt das Colegio Militar als [Unter-]Leutnant der Infanterie ab.*


1914-18
Im Ersten Weltkrieg kann sich Argentinien weitgehend sanieren, indem es die Entente-Mächte mit Nahrungsmitteln (Rindfleisch, Weizen) beliefert; es zählt zu den Kriegsgewinnlern.
(Dikigoros gebraucht diesen Ausdruck mit Bedacht: Die so genannten "Kriegsgewinner" standen oft nur auf dem Papier. Gerade 1918 gab es auf beiden Seiten fast nur Kriegsverlierer, auch bei den vermeintlichen "Siegern", die ihre enormen Verluste an Mensch und Material nie wieder "hereinholen" konnten. Die wahren Gewinn[l]er waren jene Staaten, die - ohne selber etwas einzusetzen, das sie verlieren konnten - Geschäfte mit den Kriegführenden machten und sich dabei die sprichwörtliche "goldene Nase" verdienten.)
Perón dient während dieser Zeit beim 12. Infanterie-Regiment. Ähnlich wie sein US-amerikanischer Zeitgenosse George S. Patton ist er ein begeisterter Sportler, vor allem Fechter. (Er wird bis 1928 mehrmals Militär- und Landesmeister.)
Er verfolgt jedoch auch den Weltkrieg - wie schon zuvor den russisch-japanischen Krieg - aufmerksam und verfaßt später über die militärischen Strategien in beiden viel beachtete Bücher.

1919
Dezember: Perón wird zum Oberleutnant befördert.

1920-24
Perón ist Instrukteur an der Unteroffiziersschule Sargento Cabral.

1924
Dezember: Perón wird zum Hauptmann befördert.

1926-29
Perón besucht die Kriegs-Akademie (Escuela Superior de Guerra).

1929
Januar: Perón wird als Hauptmann i.G. Adjutant des stellvertretenden Generalstabschefs des Heeres, Oberst Castaño.
Er heiratet Aurelia ("Potota"), geb. Tizón (1902-1938). Die Ehe bleibt kinderlos.

1930
Perón wird Dozent für Militärgeschichte an der ESG.
September: Perón schließt sich dem erfolgreichen Putsch des Generals Uriburu an.


1931
Dezember: Perón wird zum Major befördert.

1932
Uriburu schreibt Parlamentswahlen aus, aus denen die "Concordancia [Eintracht]", ein breites Bündnis mehrerer Parteien und Verbände vom linken bis zum rechten politischen Spektrum, als Sieger hervor geht.
Perón wird Adjutant des Kriegsministers.

1933
April/Mai: Inmitten der Weltwirtschaftskrise bekommt auch Argentinien wieder Probleme, da sich immer mehr Staaten gegen Importe abschotten und auf "Autarkie" setzen.
Argentinien muß sich wieder an den Finanzmarkt London wenden. Im "Roca-Runciman-Pakt" macht es sich völlig von Großbritannien abhängig: Einfrieren der argentinischen Rindfleisch-Exporte ins Commonwealth auf dem bisher niedrigsten Stand von 1932; Transport aller argentinischen Exporte zu 85% auf britischen Schiffen (zu horrenden Frachtraten); Verwendung aller Erlöse zum Kauf britischer Waren; Einrichtung eines britischen Monopols für Kohlelieferungen nach Argentinien; Zollfreiheit für alle britischen Exporte nach Argentinien; Übertragung der Kontrolle über die argentinische Nationalbank an britische Bankbeamte; unbeschränkte Niederlassungsfreiheit für britische Unternehmen in Argentinien unter Befreiung von den argentinischen Steuer-, Arbeits- und Sozialgesetzen. (Die Laufzeit des Vertrags betrug 3 Jahre; sie wurde jedoch nach Ablauf um weitere 3 Jahre verlängert.)
Verschiedentlich wurde behauptet, der Vertrag habe Argentinien de facto zur "Kolonie" Großbritanniens degradiert und damit Ressentiments im Lande - auch gegen die eigene Regierung, die das zuließ - geschürt. Das ist übertrieben, denn die argentinische Regierung tat alles, um die Bestimmungen zu umgehen und die Briten auszutricksen, u.a. durch umfangreiche Tauschgeschäfte am Geldmarkt vorbei, insbesondere mit dem Deutschen Reich. (Daher die Bezeichnung "trueque" oder "trueco" für diese Art Tauschhandel, von "truco [Trick]" :-) Viel wichtiger war jedoch die indirekte Wirkung auf Drittstaaten, vor allem die USA. Deren Diktator neuer (seit Januar) Präsident Roosevelt betrachtete das Eindringen der Briten - und Deutschen - in die US-amerikanische Interessensfäre als Verletzung der Monroe-Doktrin und beschloß daraufhin, sowohl das britische Empire als auch das Deutsche Reich zu zerstören, was ihm schließlich auch gelang. (Das hat sich Dikigoros nicht etwa ausgedacht; es ist gut belegt. Roosevelt sagte es dem britischen Diktator Churchill während des Zweiten Weltkriegs wiederholt offen ins Gesicht.)

1936
Januar: Perón wird Militär-Attaché an den argentinischen Botschaft in Santiago de Chile.

1938
Perón wird zum Generalstab des Heeres vesetzt.

1939-41
Perón absolviert einen zweijährigen Militärstudienaufenthalt in Europa, hauptsächlich in Italien. (Daneben besucht er die mit diesem verbündeten oder befreundeten Staaten Deutschland, Spanien, Ungarn, Albanien und UdSSR.)

1941
Januar: Perón kehrt nach Argentinien zurück. Er wird nach Mendoza versetzt und zum Oberst befördert.


Angeblich gründet er dort mit anderen Offizieren den Geheimbund "Grupo Oficiales Unidos [GOU]". (Es gibt allerdings ernst zu nehmende Historiker, die bestreiten, daß es letzteren je gegeben hat; der Streit erinnert Dikigoros ein wenig an die "Organisation Consul", von der Ernst v. Salomon - dem man eine Mitgliedschaft in derselben nachsagte - behauptete, daß es sie nie gegeben habe :-)

1943
Juni: Die Armee stürzt - mit oder ohne Hilfe der GOU - den letzten Concordancia-Präsidenten Castillo, an dessen Stelle General Ramírez tritt.**
Perón wird zunächst Privatsekretär von Kriegsminister Farrell.
Oktober: Perón wird Arbeitsminister. Als solcher knüpft er enge Kontakte zur sozialistischen Gewerkschaft CGT.

1944
Februar: Farrell löst Ramírez als Staatspräsident ab; Perón behält das Arbeitsministerium, wird jedoch zusätzlich Kriegsminister und Vizepräsident.

1945
27. März: Argentinien erklärt Deutschland den Krieg - als letzter Staat Südamerikas.***
8./9. Mai: Das Deutsche Reich kapituliert; der Krieg in Europa ist beendet.
2. September: Japan kapituliert; der Krieg im Pazifik ist beendet. Der MohrGaucho hat seine Schuldigkeit getan.
9. Oktober: Auf Betreiben des US-Botschafters Spruille Bradon wird Perón abgesetzt und verhaftet.
17. Oktober: Von der CGT und Eva ("Evita") María Duarte (1919-1952) organisierte Streiks und Massendemonstrationen zwingen die Regierung, Perón frei zu lassen und Wahlen auszuschreiben.
22. Oktober: Perón heiratet in 2. Ehe Eva Duarte.


1946
Februar: Perón wird zum Präsidenten gewählt. Er stützt sich auf eine breite Anhängerschaft von links und rechts.


1946-50
Perón gewährt zahlreichen politisch Verfolgten aus Europa Asyl, u.a. dem Deutschen Hans-Ulrich Rudel, dem Kroaten Ante Pavelić, dem Franzosen Jacques de Mahieu und dem Wallonen Pierre Daye.
(Angeblich gewährt Perón auch Adolf Hitler, Martin Bormann, Adolf Eichmann, Josef Mengele, Erich Priebke und Klaus Barbie heimlich Unterschlupf; nach anderen Quellen sind die Vorgenannten allerdings längst tot oder anderswo untergetaucht.)
Wirtschaftlich schlägt Perón einen zunehmend sozialistischen Kurs ein: Die Steuern werden erhöht, Privatunternehmen verstaatlicht und bei daraufhin nachlassender Produktivität durch massive Zollschranken gegen ausländische Konkurrenz geschützt sowie durch staatliche Finanzspritzen (nach Vorbild des "deficit spending") zu kontinuierlichen Lohnerhöhungen befähigt. Für einige Jahre entsteht so eine Scheinblüte; die "Mittelschicht" verbreitert sich.

1951
Perón - der es verstanden hat, sich von den Medien zur Glamour-Gestalt aufbauen zu lassen (mitsamt seiner Frau :-) wird als Präsident wiedergewählt.


1952
"Evita" Perón stirbt an Krebs.

1953
August: Perón reist auf Staatsbesuch in die BRD, wo ihm die "Sonderstufe des Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" verliehen wird.****


1955
Juni: Ein Putschversuch der Marine scheitert.
September: Perón - vom Papst wegen einer Reform des Familienrechts, welche die Scheidung erlaubt, exkommuniziert - wird durch einen Putsch katholischer Offiziere aus Armee und Marine gestürzt und aus Argentinien verbannt. Paraguays Präsident Alfredo Stroessner gewährt ihm politisches Asyl.


1956
Juni: Ein Aufstand von Peróns Anhängern in Buenos Aires wird blutig nieder geschlagen.
Die internationalen Finanzmärkte honorieren diese vermeintlich positive Entwicklung durch Gewährung neuer Milliarden-Kredite an Argentinien (die nie zurück gezahlt werden).

1961
Perón geht nach Panamá. Dort lernt er die Sägerin María Estela ("Isabel") Martínez kennen, mit der er noch im selben Jahr nach Spanien emigriert - dessen "Caudillo" Franco ihm Asyl gewährt -, und sie in 3. Ehe heiratet. (Auch diese Ehe bleibt kinderlos.)

1963
Der neue Papst Paulus VI hebt Peróns Exkommunizierung auf; daraufhin wird er wieder von den katholischen "Montoneros" unterstützt.

1971
März: General Alejandro Lanusse ergreift die Macht in Argentinien; er läßt die peronistische Partei wieder zu.

1972
November: Perón kehrt kurzzeitig nach Argentinien zurück, muß es jedoch wieder verlassen, da seine Verbannung noch immer in Kraft ist.

1973
März: In Argentinien werden Wahlen veranstaltet, die Peróns Freund Héctor Cámpora gewinnt.
Mai: Cámpora wird Präsident, hebt Peróns Verbannung auf und begnadigt alle seine Anhänger.
Juni: Perón kehrt nach Argentinien zurück. Bei seiner Ankunft am Flughafen Ezeiza kommt es zu Schießereien zwischen seinen "linken" und "rechten" Anhängern.
Juli: Cámpora tritt zurück und schreibt Neuwahlen aus.
Oktober: Perón wird zum Präsidenten gewählt; er macht "Isabel" zu seiner Vize-Präsidentin.


1974
1. Juli: Juan Perón stirbt in Olivos. Er wird zunächst auf dem Chacarita-Friedhof beerdigt.


"Isabel" folgt ihrem Mann im Amt (als erste Staatspräsidentin Südamerikas).

* * * * *

1976
Während "Evita" Perón duch ein Musical von Tim Rice und Andrew Lloyd-Webber weltweit glorifiziert wird*****, wird Isabel Perón durch einen Militärputsch gestürzt.


1976-2006
Drei Jahrzehnte Mißwirtschaft (und ein verlorener Krieg gegen Großbritannien um die Falkland IslandsIslas Malvinas 1982, danach Einstellung der Zahlungen auf von Ausländern gehaltene Staatsanleihen) machen Argentinien vom einst reichsten Land Südamerikas zu einem der ärmsten: Hyperinflation, Hungersnot, Plünderung der Lebensmittelläden, Staatsbankrott 1989 und erneut 2001, Rückkehr zum Tauschhandel.


Im Rückblick verklärt sich die Ära Perón, wobei verdrängt wird, daß eigentlich er es war, der diese verhängnisvolle Entwicklung eingeleitet hatte.

2006
17. Oktober: Peróns Leichnam wird in ein häßliches klotziges imposantes Mausoleum - finanziert von der CGT - überführt.


*Wer sich angesichts der Kopfbedeckung wundern sollte: Die 1842 erstmals im preußischen Heer (zuvor nur zivil - bei der bayrischen Feuerwehr :-) verwendete "Pickelhaube" wurde nach und nach in fast allen Streitkräften der Welt eingeführt, zuerst - noch in der ursprünglichen, hohen Form - in den skandinavischen Ländern, im Tsarenreich und in Spanien, dann - in der verkleinerten Form von 1860 - in Sachsen, Württemberg, Großbritannien, Bayern, den USA und Portugal, zuletzt auch in Lateinamerika (Brasilien [1889], Chile [1890], Argentinien [1900] und Mexiko [1910]). Als sie sich im Ersten Weltkrieg nicht bewährte, wurde sie ab 1915 durch den "Stahlhelm" ersetzt.

**Über die vermeintlichen innen- und/oder außenpolitischen Motive des Putsches wurde im Nachhinein viel spekuliert. Die heute herrschende Lehre behauptet entweder, die Putschisten seien Erzkonservative gewesen, denen die amtierende Regierung zu linksliberal gewesen sei, oder aber, sie seien böse Fascisten gewesen, die Argentinien auf Seiten der Achsenmächte in den Zweiten Weltkrieg führen wollten. Beides ist abwegig: Der linksliberale Präsident Ortiz war bereits 1942 aus gesundheitlichen Gründen zurück getreten; sein Vizepräsident und Nachfolger Castillo war selber konservativ und sympathisierte durchaus mit den Achsenmächten; ihn unter einem dieser Aspekte zu stürzen hätte also keinen Sinn gemacht. (Außerdem traten die Putschisten am Ende ja selber auf Seiten der Alliierten - nicht etwa Deutschlands - in den Zweiten Weltkrieg ein.) Das wahre Motiv dürfte ganz einfach persönliche Machtgier gewesen sein.

***Der erste Staat Südamerikas, der Deutschland den Krieg erklärte, war bereits im August 1942 Brasilien unter Präsident Getúlio Vargas. Der einzige unabhängige Staat Südamerikas, der Deutschland nicht den Krieg erklärte, war Chile.

****Perón ist erst der 3. Träger jener Ordensstufe - nach dem Brasilianer Getúlio Vargas, der sie als erster erhielt, wohl aus dem in der vorigen Fußnote erwähnten Grund - und dem Peruaner Manuel Odría. In den folgenden Jahren wird sie an fast jeden latein-amerikanischen Regierungschef verliehen. 1958 wird die Verleihung vorübergehend eingestellt und erst unter Willy Brandt wieder aufgenommen.

*****Wohl eher unbeabsichtigt: Das Musical - aus der Sicht des Kommunisten Che Guevara erzählt und mit entsprechend kritisch-cynischen Kommentaren gespickt - schert sich weniger um die historische Wahrheit als um die dramaturgischen Effekte. Das Lied "Don't cry for me Argentina" wird zum Welthit. Allerdings wird Evita darin falsch zitiert. Sie sagte nicht: "No llores por mí, Argentina, mi alma está contigo...", sondern: "No me llores perdida ni lejana..."

1996 wurde das Musical durch Alan Parker verfilmt - unter noch größerer Verzerrung der historischen Wahrheit - und ebenfalls ein großer Erfolg.


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