OTTO V. BISMARCK

seit 1865: Graf B., seit 1871: Fürst B.
seit 1890: Herzog v. Lauenburg

(1815 - 1898)


Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1815
01. April: Otto Eduard Leopold v. Bismarck wird als viertes von sechs Kindern des Gutsherrn und Rittmeisters d.R. Karl-Wilhelm v. Bismarck und seiner Ehefrau Luise Wilhelmine, geb. Mencken, in Schönhausen a.d. Elbe geboren.*

1816
Bismarcks Familie übersiedelt nach Pommern. Er wächst auf Gut Kniephof fernab jeglicher städtischer Zivilisation auf.

1821-27
Bismarck besucht das "Plamann'sche Institut" in Berlin, das er im Rückblick als "Zuchthaus" empfindet. Besonders verhaßt sind ihm der Turnunterricht und das frugale Essen.

1827-32
Bismarck besucht erst das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, dann das Gymnasium des Grauen Klosters. Er zählt - vor allem in den Fächern Geschichte und Geografie - zu den schlechtesten Schülern, mit Ausnahme der Fremdsprachen. Er verläßt die Schule nach seinen eigenen Worten "als normales Produkt unsres staatlichen Unterrichts".

1832-33
Bismarckt studiert Rechtswissenschaften an der Universität Göttingen.

1833-35
Bismarck setzt sein Studium an der Universität Berlin fort.

1835
Nach dem 1. Staatsexamen wird Bismarck Auskulator am Kammergericht Berlin.


1836
Bismarck wird Regierungsreferendar in Aachen.

1837
Bismarck wird Regierungsreferendar in Potsdam.

1838-39
Bismarck absolviert seinen Wehrdienst in Potsdam und Greifswald. Danach widmet er sich seinem Gut in Kniephof.

1845
Bismarck kehrt nach dem Tod seines Vaters nach Schönhausen zurück und wird auch dort Gutsherr. Er macht sich einen Namen als Raufbold, Säufer und Duellant. Nebenbei wird er Abgeordneter im Landtag der Provinz Preußisch-Sachsen.

1847
Bismarck wird Abgeordneter des Preußischen Landtags. Er heiratet Johanna v. Puttkamer. (Aus der Ehe gehen eine Tochter und zwei Söhne hervor.)


1848
In ganz Europa brechen Revolutionen aus; trotz ihres Scheiterns nimmt das Ansehen der Monarchien - auch in Preußen - erheblichen Schaden. Bismarck bleibt gleichwohl Monarchist.

1849
Bismarck wird Abgeordneter der Zweiten Preußischen Kammer des Bezirkes West-Havelland. Er gibt sich erzkonservativ.

1850
Bismarck wird Abgeordneter im Erfurter Parlament.

1851-58
Bismarck ist preußischer Gesandter beim Bundestag in Frankfurt/Main. Da es ihm nicht gelingt, Preußens Gleichberechtigung im Deutschen Bund mit Österreich durchzusetzen, entwickelt er die Idee einer "kleindeutschen" Lösung, d.h. eines deutschen Staates ohne Österreich.

1859-62
Bismarck ist preußischer Gesandter in Sankt Peterburg.

1862
Bismarck wird preußischer Gesandter in Paris.
Nach einer Verfassungskrise zwischen König Wilhelm von Preußen und dem Landtag über den Wehretat wird Bismarck zum Ministerpräsidenten berufen. (Er regiert vier Jahre lang ohne den Landtag, danach stimmt dieser dem Etat nachträglich zu.)

1864
Preußen und Österreich führen Krieg gegen Dänemark und nehmen ihm die Provinzen Schleswig und Holstein ab. Über die Beute kommt es alsbald zum Streit zwischen den Siegern.

1866
Bismarck schürt die Streitigkeiten um die Verwaltung Schleswigs und Holsteins und provoziert einen Krieg zwischen Preußen und Österrreich. Nach dem Sieg bewegt Bismarck König Wilhelm - mit Rücksicht auf Frankreich - zum Verzicht auf die Annexion österreichischer Gebiete. (Dagegen erhält sein Bündnispartner Italien die bis dahin habsburgische Provinz Venetien.) Statt dessen annektiert Preußen das Königreich Hannover (das heutige "Niedersachsen") und Teile Hessens; der Deutsche Bund wird aufgelöst. Durch diese ersten schweren außenpolitischen Fehler Bismarcks gehen langfristig die deutschen Kernlande Österreich, Böhmen und Mähren verloren, ebenso die letzten Sympathien in England - wohin der entthronte König von Hannover ins Exil geht - sowie Luxemburg, das selbständiger Zwergstaat wird.


1867
Bismarck wird Kanzler des neu gegründeten "Norddeutschen Bundes" (bestehend aus Preußen und den übrigen deutschen Staaten nördlich des "Weißwurst-Äquators").

1869
Bismarck lehnt ein (potentiell gegen England gerichtetes) Bündnisangebot des französischen Kaisers Napoleon III ab und spielt dieses Angebot der englischen Presse zu. Damit nimmt Bismarck die verhängnisvolle Schaukelpolitik vorweg, die später von Kaiser Wilhelm II perfektioniert wird.

1870
Juli: Nach einem Streit um die Thronfolge in Spanien provoziert Bismarck Napoleon III zur Kriegserklärung an Preußen, auf dessen Seite sich zu Napoleons Überraschung auch die süddeutschen Staaten (außer Österreich, das neutral bleibt) stellen.
September: In der Schlacht von Sedan gerät Napoleon in Gefangenschaft und kapituliert. Französische Revolutionäre reißen die Macht an sich, erklären Napoleon für abgesetzt, rufen die Republik aus und setzen den - aussichtslosen - Krieg fort, dessen Verlängerung zu lang anhaltendem Haß zwischen Franzosen und Deutschen führt, die Bismarck fortan als Konstante seiner Außenpolitik hinnimmt.

1871
Januar: In Versailles wird auf Betreiben Bismarcks das "Deutsche Reich" gegründet, d.h. die süddeutschen Staaten treten dem Norddeutschen Bund bei und behalten gewisse Sonderrechte. (Luxemburg und Österreich bleiben dagegen außen vor, obwohl die Voraussetzungen für einen Beitritt nach dem "Ausgleich", d.h. der Teilung der Habsburger Monarchie in "Österreich" und "Ungarn" - die nur noch durch eine lockere Personalunion verbunden sind - äußerst günstig sind; ein Übergewicht Österreichs hätte Preußen nun nicht mehr fürchten müssen. Langfristig erweist sich dies als der verhängnisvollste außenpolitische Fehler Bismarcks, der nicht nur den Lauf der deutschen, sondern auch der europäischen und schließlich der Weltgeschichte maßgeblich beeinflußt.**) Der König von Preußen wird "deutscher Kaiser", Bismarck "Reichskanzler". (Seine Stellung entspricht der des heutigen "Secretary of State" in den USA, d.h. zugleich Ministerpräsident und Außenminister.) In falsch verstandenem Patriotismus jubelt eine rüde Propaganda ihn, den Zerstörer des Deutschen Bundes und damit der deutschen Einheit, zum "Schmied der deutschen Einheit" hoch.


März: Bismarck wird gefürstet
Mai: Frankreich kapituliert. Bismarck setzt durch, daß im Frieden von Frankfurt nur das Elsaß und der Osten Lothringens - im 17. Jahrhundert von Frankreich gewaltsam annektiert und im 19. Jahrhundert zwangsromanisiert - als "Reichslande Elsaß-Lothringen" an das Deutsche Reich abgetreten werden. Der unnötige Verzicht auf den Westen Lothringens mit seinen Bodenschätzen und strategisch wichtigen Festungen erweist sich als weiterer schwerer Fehler.

seit 1872
Außenpolitisch versucht Bismarck, das Deutsche Reich durch - von späteren Historikern weit überbewertete - Bündnisverträge mit Österreich-Ungarn und Rußland abzusichern, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind, da jene beiden Bündnispartner einander stets feindlich gegenüber stehen.


Auch in der Innenpolitik begeht Bismarck schwere Fehler: Durch seinen unnötigen "Kulturkampf" gegen die katholische Kirche spaltet er die Deutschen ideologisch und entfremdet insbesondere die polnischen und französischen Minderheiten; zudem vertieft er den Antagonismus zwischen dem protestantischen Preußen und den überwiegend katholischen Staaten - allen voran Bayern - und schürt Separationsgedanken in der katholischen "Rheinprovinz". Er wird damit zum Schmied der deutschen Zwietracht. Da Bismarck sich dabei sowohl die Konservativen als auch das "Zentrum" zu Feinden macht, stützt er sich zunehmend auf die "National-Liberalen".

1873
Das Städtchen Edwinton am Missouri (U.S.A.) wird in "Bismarck" umbenannt. [Zehn Jahre später wird es Hauptstadt von Dakota.]


1878
Nach dem russisch-türkischen Krieg reißt Bismarck aus persönlicher Eitelkeit eine - von niemandem gewünschte - Vermittlerrolle an sich. Auf dem "Berliner Kongreß" spielt er den "ehrlichem Makler" und stößt dadurch alle beteiligten Mächte vor den Kopf. Insbesondere das Verhältnis zu Rußland ist von da an - trotz eines später pro forma abgeschlossenen "Rückversicherungsvertrags" - nachhaltig zerrüttet.


Innenpolitisch entfremdet sich Bismarck der Arbeiterschaft durch die "Sozialistengesetze".
(Die von bismarck-freundlichen Historikern propagandistisch ausgeschlachtete "Einführung" der Sozial[pflicht]versicherung stellt in Wahrheit nur eine Enteignung und Verstaatlichung bereits bestehender privater Versicherungen [auf ehemals freiwilliger Basis] dar und ist wegen ihres Zwangscharakters extrem unpopulär.)

1879
Bismarck überwirft sich auch mit den National-Liberalen - die für den absoluten Freihandel eintreten -, indem er "Schutzzölle" einführt, u.a. auf Getreide und Schlachtvieh.
Entgegen dem Namen geschieht dies in erster Linie nicht zum Schutz der einheimischen Produzenten, sondern zur Finanzierung der zunehmend ansteigenden Reichsausgaben.***

1884-85
Bismarck läßt sich auf das Experiment ein, Kolonien ("Schutzgebiete") in Übersee zu erwerben. Es handelt sich überwiegend um wertlose Gebiete in Afrika, die dem Reich bis zuletzt nur Verluste einbringen und die Feindschaft Großbritanniens zementieren. (Auch die viel gelobte "Kongo-Akte", die von den Kolonialmächten auf der von Bismarck in Berlin organisierten "Kongo-Konferenz" verabschiedet wird, erweist sich später als wertlos.)

1888
Im "Dreikaiserjahr" sterben Kaiser Wilhelm und sein Sohn, Kaiser Friedrich, kurz nacheinander. Der neue Kaiser Wilhelm II stellt bald fest, daß er innen- und außenpolitisch vor einem Scherbenhaufen steht; das Verhältnis zu Bismarck - der schon lange an Fett- und Alkoholsucht leidet - verschlechtert sich rapide.


1890
Bismarck wird als Reichskanzler entlassen und pro forma zum "Herzog von Lauenburg" ernannt. Niemand weint ihm eine Träne nach - lediglich eine englische Zeitung widmet ihm einen satirischen Nachruf in Form einer Karikatur: "Der Lotse geht von Bord". Daß er das Staatsschiff zuvor in eine fast aussichtslose Lage manövriert hat, bleibt weitgehend unbemerkt.


seit 1890
Bismarck verfaßt seine Memoiren ("Gedanken und Erinnerungen") in drei Bänden, die eine gründliche Abrechnung mit seinen politischen Gegnern darstellen. Wiewohl das Werk sowohl vor sachlichen Fehlern als auch vor falschen Beurteilungen strotzt, wird es ein Bestseller.

[Gedanken & Erinnerungen]

1898
30. Juli: Bismarck stirbt auf Gut Friedrichsruh.


* * * * *

Posthum gewinnt Bismarck in Deutschland zunehmend an Popularität. Im Ersten Weltkrieg wird er ausgiebig zu Propagandazwecken eingesetzt.


Nach dem verlorenen Krieg steigt Bismarcks Ansehen noch weiter, vor allem im Vergleich zu den Politikern der "Weimarer Koalition" (SPD, Zentrum, DDP), die in weiten Kreisen als "November-Verbrecher" gelten. In der Erinnerung wird er mitsamt dem Kaiserreich verklärt; seine Fehler werden weitgehend verdrängt oder nicht als solche wahrgenommen.
Konservative Parteien - vor allem die DNVP (deren Nachwuchs-Organisation 1922 den Namen "Bismarck-Jugend" erhält), aber auch die DVP - berufen sich im Wahlkampf auf ihn.

[DNVP-Wahlplakat mit Bismarck-Denkmal, Mai 1924] [DNVP-Wahlplakat mit Bismarck, Dezember 1924] [DVP-Wahlplakat mit Bismarck] [DNVP-Wahlplakat mit Bismarck, August 1932]

Sowohl sein 30. Todestag (1928) als auch der 60. Jahrestag "seiner" Reichsgründung (1931) werden groß gefeiert.


1933-45
Im "Dritten Reich" wird versucht, eine Linie von Friedrich II über Bismarck und Hindenburg zu Hitler an den Haaren herbei zu ziehen.****
1939 wird ein Schlachtschiff nach Bismarck benannt - obwohl er noch kurz vor seinem Tode gesagt hatte, daß er ein Anhänger der alten Segelschiffe sei und die stählernen, von Maschinen betriebenen Ungetüme nicht seine Welt seien.


1940-42
Die von Wolfgang Liebeneiner gedrehten Spielfilme Bismarck (1940) und Die Entlassung (1942) verklären ihn zu einem überragenden Staatsmann und tragischen Helden.


1945-89
Dennoch fällt Bismarck auch nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg nicht sofort in Ungnade; die neu entdeckten Übel des Kaiserreichs werden seinen Nachfolgern in die Schuhe geschoben. Seine Denkmäler zählen zu den wenigen, die schon im Dritten Reich gestanden haben und dennoch weder nach 1945 von den alliierten Besatzern noch nach 1968 von den deutschen Kulturbolschewisten zerstört werden.


Mit fortschreitender Wirkung der "re-education" gerät Bismarck in der BRD zunehmend ins Abseits. Als 1971 zaghaft der Reichsgründung von 1871 gedacht wird, vermeidet die Regierung jegliche Bezugnahme auf Bismarck; auf einer zu diesem Anlaß geprägten 5-DM-Gedenkmünze wird nur der Reichstag abgebildet (in peinlicher Unkenntnis seines erst Jahre später erfolgten Baus :-).


In der DDR wird Bismarck - anders als die "Helden" des Befreiungskrieges gegen Napoleon - auch in den 1970er Jahren nicht als Identifikationsfigur wieder entdeckt.
Allerdings veröffentlicht der DDR-Historiker Ernst Engelberg 1985 eine überraschend sachliche Bismarck-Biografie, die angesichts zahlreicher zweit- und drittklassiger Konkurrenz-Produkte bald zum Standardwerk in Ost und West wird.

seit 1990
Nach dem Zusammenschluß von BRD und DDR kommt es zu eine kurzen Fase der Rückbesinnung auf Bismarck; sowohl zum 125. Jahrestag der Reichsgründung 1996 als auch zu seinem 100. Todestag 1998 gibt es einige private Gedenkveranstaltungen.

2003
Juli: Bismarck wird bei einer vom Staatssender ZDF veranstalteten Umfrage nach dem "besten Deutschen" auf Platz 9 gewählt - hinter Konrad Adenauer und Willy Brandt, aber vor Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Ludwig Erhard und Gerhard Schröder.

2007
Das läßt die politisch-korrekten Gutmenschen der Republik nicht ruhen. Der in England wirkende "Historiker" Robert Gerwarth - bis dahin lediglich durch eine abstruse Biografie des jüdischen SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrich in Erscheinung getreten - veröffentlicht "Der Bismarck-Mythos". Darin behauptet er, daß Bismarck bzw. sein während der "Weimarer Republik" verklärtes Andenken der Hauptschuldige am Aufstieg Hitlers gewesen sei.

[Buch]

Trotz ihrer Abwegigkeit wird diese These von den Monopol-Medien als der Weisheit letzter Schluß breit getreten und gilt seitdem in offiziösen Kreisen als verbindlich.

[ein intelligenter Primat macht sich Gedanken über seine menschlichen Vettern]

2015
Zu Bismarcks 200. Geburtstag gibt die Bundesbank zum ersten Mal im 21. Jahrhundert (böse Zungen behaupten sogar: zum ersten Mal überhaupt :-) eine originelle Gedenkmünze (im Nennwert von 10 Euro) heraus: Von seinem Konterfei fehlt das östlicherechte Drittel, was symbolisiert, daß die BRDDR - die sich ja als Nachfolgerin des "Kleindeutschen" Reichs von 1871 sieht (nicht etwa des von Bismarck 1866 zerstörten Deutschen Bundes) - nur noch dessen westliche zwei Drittel umfaßt.*****


*Viele berühmte "Preußen" und "Brandenburger" waren eigentlich gar keine: Hardenberg und Scharnhorst kamen aus Hannover, Stein aus Hessen-Nassau, Blücher aus Mecklenburg und Gneisenau aus Sachsen. Bismarck war also kein Einzelfall.

**Auf empörte Mails von Bismarck-fans: Ja, völlig richtig, es ist leicht, im Rückblick klüger zu sein und die Handelnden bloß zu kritisieren. Also: Was hätte Bismarck 1866-1871 anders - besser - machen können/sollen/müssen? Nun, da gab es mehrere Alternativen; eine davon hätte er konsequent verfolgen müssen, statt sich von einer - vermeintlich - günstigen Gelegenheit zur anderen zu hangeln. Von einem dauerhaften Gegensatz zwischen den beiden "Westmächten" England und Frankreich, bei dem man das "Zünglein an der Waage" hätte spielen können, durfte man nicht mehr ausgehen; spätestens der Krimkrieg hatte gezeigt, daß beide bereit waren, sich zur Bekämpfung eines gemeinsamen Feindes militärisch zu verbünden. Es bestand überhaupt kein vernünftiger Grund für Preußen, Schleswig-Holstein und Hannover zu annektieren - man hätte sie statt dessen als gleichberechtigte Mitglieder in den "Norddeutschen Bund" aufnehmen können (notfalls mit sanftem Druck :-) und damit innenpolitisch das gleiche erreicht, ohne außenpolitisch Porzellan zu zertrampeln. (Letzteres ließ sich auch nicht durch dynastische Hochzeiten kitten wie die des preußischen Kronprinzen mit der englischen Princesse royale und deren ältesten Sohns mit der Tochter des abgesetzten Herzogs von Holstein; solche Schachzüge beeindruckten die [ver]öffentlich[t]e Meinung in Großbritannien - die Bismarck offenbar unterschätzte - gleich gar nicht.) Nachdem man sich England so entfremdet hatte, wäre es umso wichtiger gewesen, ein gutes Verhältnis zu Frankreich aufzubauen - was mit Napoléon III ohne weiteres möglich gewesen wäre. Dieser hatte nach "Kompensation" für seine Neutralität im deutsch-deutschen Krieg verlangt, die ihm Bismarck verweigerte, statt ihm z.B. ein schönes Stück von Belgien - etwa Wallonien und/oder den 1839 beim Austritt aus dem Deutschen Bund abgetrennten Westteil Luxemburgs - in den Rachen zu werfen, wodurch sich Englands außenpolitischer Zorn fürs erste wieder gegen Frankreich gerichtet hätte, denn die Kanalküste lag ihm nun doch näher als Norddeutschland. (Ein Nebeneffekt hätte sein können, daß sich das Großherzogtum Luxemburg wieder dem [Nord-]Deutschen Bund angeschlossen hätte - vielleicht sogar die Niederlande, wenn man ihnen zur Belohnung das flämische Rest-Belgien - dessen Verlust anno 1830 sie noch nicht verwunden hatten - überlassen hätte.) Den Krieg gegen Frankreich zu provozieren war dagegen eine völlig unnötige Eselei, denn sie führte zum Sturz des vernünftigen Kaisers durch nationalistische Kräfte, die auch ohne die Abtrennung Elsaß-Lothringens den Haß gegen Preußen-Deutschland dauerhaft geschürt hätten. Nachdem das Unglück aber einmal geschehen war, hätte Bismarck bei Kriegsende unbedingt auf die Wiedereinsetzung Napoléons drängen und auf jegliche Annexionen verzichten sollen, um eine langfristige Versöhnung herbei zu führen. Wenn dies aber nicht möglich war, dann hätte er - und das war damals noch möglich - die Freundschaft mit England wieder herstellen müssen: Es hätte sich doch angeboten, anläßlich der Reichsgründung den König von Hannover und den Herzog von Schleswig-Holstein wieder in ihre Rechte einzusetzen - die etwa denen der Könige von Sachsen, Bayern und Württemberg und des Großherzogs von Baden entsprochen hätten. In diesem Falle hätte man Frankreich, das ja ohne Kaiser ein "Nationalstaat" war, konsequent auf diesen reduzieren müssen durch Abtrennung aller nicht wirklich französischen Gebiete, d.h. Abtretung des Hennegaus und des Artois an Belgien (was auch ganz im Sinne Englands gewesen wäre), des Elsaß und Lothringens an das dann zum Königreich zu befördernde Baden (nicht als Kronkolonie ans Deutsche Reich!), und zwar ganz Lothringens incl. der alten Hauptstadt Nanzig ("Nancy"), mit Mosel und Maas als neuen Grenzflüssen; Abtretung Korsikas, Savoyens und der Côte d'Azur an Italien (ggf. im Tausch/gegen Rückgabe Venetiens an Österreich) sowie des Roussillon und der Gascogne an Spanien - egal ob auf dessen wackeligen Thron nun ein preußischer Prinz kam oder nicht oder doch. (Dies hätte später auch die Neugründung unabhängiger Staaten in Katalonien und im Baskenland erleichtert, die man leicht als Verbündete hätte gewinnen können. Dikigoros persönlich hätte auch noch die Bretagne abgetrennt; aber das ist eine andere Geschichte, die Bismarck egal sein konnte :-) Alle diese Gebiete waren erst seit 1866 der Zwangsfranzösisierung unterworfen worden, als Napoléon den Gebrauch des Flämischen, des Mosel-Fränkischen, des Italienischen, des Katalanischen und des Baskischen verboten hatte - ein Prozeß, der nach nur 5 Jahren noch ohne weiteres umkehrbar war! Ein solches rein-französisches Frankreich hätte keine militärische Gefahr mehr dargestellt, denn seine besten - um nicht zu sagen: seine einzigen guten - Soldaten kamen traditionell aus eben jenen Gebieten. Und um auch das gleich vorweg zu nehmen: Nach 1871 machte es keinen Sinn, sich einen Bundesgenossen wie das marode Reich der Habsburger ans Bein zu binden. Wenn man es schon nicht zerschlug, um seine deutschsprachigen Teile ins neue Reich aufzunehmen (und damit die Grenzen des 1866 aufgelösten Deutschen Bundes ungefähr wiederherzustellen), dann hätte man es tunlichst im eigenen Saft schmorensich selber überlassen, ein eindeutiges Bündnis mit dem Tsarenreich eingehen und dieses auch konsequent einhalten müssen - auch und gerade gegen Österreich-Ungarn und/oder das Osmanische Reich. Was das wirklich so schwer zu sehen? Für den Schreibtisch-Historiker vielleicht; aber von jemandem, der Gesandter in Sankt Peterburg und Paris gewesen war (und damals waren Diplomaten, anders als heute, noch keine eigentlich überflüssigen Beamten ohne sinnvolle Aufgaben - außer etwas Auslandsspionage -, sondern sie machten noch richtig Außenpolitik!) hätte man doch etwas mehr Weitblick erwarten dürfen - oder?

***Die Sozialisten behaupteten dagegen, Bismarcks Ziel sei es gewesen, durch diese "protektionistischen Maßnahmen" den Landadel (die "Großgrundbesitzer") in Deutschland vor der ausländischen Konkurrenz zu schützen, wobei er billigend in Kauf genommen habe, daß dadurch die Nahrungsmittel teurer und für die armen Arbeiter so gut wie "unerschwinglich" wurden. So hetzte noch 1914 - kurz vor Kriegsausbruch - der SPD-Führer Friedrich Ebert wider besseres Wissen (oder sollte er wirklich so dumm gewesen sein?) gegen "die Junker", denen man durch die Zollgesetze "Millionen in den Schoß geworfen" habe, die "dem Volk den Hungerriemen strammer schnallen" wollten, um ihren "Raubzug durch die Taschen des Volkes" fortzusetzen. Tatsache ist, daß die von Bismarck eingeführten Zollsätze lächerlich niedrig waren: 10 Mark/Tonne Getreide (also 1 Pf/kg - das machte das Brot nicht wirklich teurer!), auf Schlachtvieh noch weniger. Obwohl der Zollsatz - auf Druck des 1893 gegründeten Bundes der Landwirte - bis 1913 auf 70 Mark/Tonne Getreide angehoben wurde, reichte auch das längst nicht aus, um die ostelbischen Klitschen nachhaltig vor der übermächtigen ausländischen Konkurrenz zu schützen. Das sollte sich bitter rächen: Im selben Jahr wurde über 50% des im Reich verbrauchten Getreides und Schlachtviehs importiert, und zwar überwiegend aus Ländern, die 1914 zu Feindstaaten wurden (Rußland, USA, Serbien), wodurch die kommende Hungersnot vorprogrammiert war. [Dikigoros schreibt darüber an anderer Stelle ausführlicher (dort Fußnote 8).] Auch militärisch gesehen war die Verarmung des Landadels eine Katastrofe: Da dessen nachgeborenen Söhne, die bis dahin fast ausschließlich das preußische Offizierskorps gestellt hatten, sich das nicht mehr leisten konnten - vom Offizierssold konnte niemand leben -, wurden sie nach und nach durch solche des Hochadels und der bürgerlichen "Pfeffersäcke" ersetzt. Deren "hurra-patriotisches" - aber gänzlich unprofessionelles - Verhalten an der Front führte dazu, daß Deutschland von allen Krieg führenden Staaten die höchste Verlustrate an Offizieren aufwies.

****Das kann man nur als Witz bezeichnen. Bismarck war - wie Friedrich II von Preußen - alles andere als ein "deutscher Nationalist". So schrieb er z.B. in "Gedanken und Erinnerungen" wörtlich: "In praxi bedarf der Deutsche einer Dynastie (...) Als Preuße, Hannoveraner, Württemberger, Bayer, Hesse ist er früher bereit, seinen Patriotismus zu dokumentieren wie als Deutscher (...) [Ohne dies] wäre nicht wahrscheinlich, daß das deutsche Nationalgefühl alle Deutschen in den Friktionen europäischer Politik völkerrechtlich zusammenhalten würde." Das mag insgesamt eine Fehleinschätzung gewesen sein; sie dürfte jedoch die persönliche Einstellung Bismarcks korrekt wiedergeben.

*****Dies ist Dikigoros' ganz persönliche Interpretation. (In der offiziellen Preisrichter-Begründung für die Auswahl dieses Entwurfs steht davon nichts.) Aber nur sie macht Sinn, denn die nächstplazierten Entwürfe sind zwar solide Arbeiten, doch thematisch eher uninteressant. Der Sieger-Entwurf belegt überdies durch seine im wahrsten Sinne des Wortes fehlerhafte - es fehlt das "s" am Namensende - Umschrift das allmähliche Verschwinden des Genetivs aus der deutschen Sprache. ("Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod" - hier freilich auch der Nominativ :-) Das kann jedoch schwerlich den Ausschlag gegeben haben, da auch der 3. Preis diesen Fehler aufweist. Des weiteren rücken alle drei Entwürfe den Wertverfall des Euro (mehr als 1/3 in nur fünf Jahren) ins Blickfeld, indem sie den Silbergehalt (0,625) angeben - was ganz unüblich ist. (Bis 2010 hatte der Silbergehalt der 10-Euro-Gedenkmünzen 0,925 betragen. Ab 2011 wurde auch das Gewicht der Münzen von 18 gr auf 16 gr gesenkt, so daß das Feingewicht von 16,65 gr auf 10,00 gr Silber sank.)


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