WALTHER  DARRÉ

(14.07.1895 - 05.09.1953)

[Walther Darré - Zeichnung von Karl Bauer]
[Unterschrift]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

[Reichsnährstand]

1895
14. Juli: Ricardo Walther* Darré wird in der deutschen Siedlung Belgrano (heute ein Stadtteil von Buenos Aires, Argentinien) als Sohn des Kaufmanns und Chefs des Handelshauses Hardt & Co. Richard Oskar Darré und seiner Frau Emilia Berta Eleonore (geb. Lagergren) geboren. (Sein Vater ist hugenottischer, seine Mutter schwedischer Abstammung.)

bis 1914
Bedingt durch den Beruf des Vaters, zieht die Familie häufig um. Darré besucht die deutsche Schule in Belgrano, die Oberrealschule in Heidelberg, das Pädagogium** in Godesberg (heute als "Bad Godesberg" Stadtteil von Bonn) sowie das Kings College in Wimbledon.

[Pädagogium] [Kings College]

1914
Darré besucht die Deutsche Kolonialschule Wilhelmshof*** in Witzenhausen a.d. Werra mit dem Ziel, Überseefarmer zu werden.

1914-1918
Darré nimmt als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil, zuletzt im Range eines Leutnants.

1918
Nach Kriegsende nimmt Darré sein Studium in Witzenhausen wieder auf.

1920
Darré macht sein Diplom als Kolonialwirt; freilich hat Deutschland seine Kolonien 1919 im Diktatfrieden von Versailles abtreten müssen.

1920-1925
Darré studiert Landwirtschaft mit dem Schwerpunkt Viehzucht und Vererbungsfragen in Gießen und Halle. Sein Hauptinteresse gilt genetischen Fragen, die prägend für seine späteren Rasseforschungen am Menschen sind.

1922
Darré heiratet Albertine, geb. Staadt. (Die Ehe, aus der zwei Töchter hervor gehen, wird 1927 geschieden.)

1925
Darré besteht das Examen als Dipl.-Landwirt.

ab 1925
Darré bearbeitet staatliche Aufträge auf dem Gebiet der Zuchtauslese, nachdem seine Bemühungen um eine Universitätsstelle gescheitert sind.

1927
Darré unternimmt eine Studienreise durch Finnland.

1928
Darré wird landwirtschaftlicher Sachverständiger der Deutschen Gesandtschaft in Rīga (Lettland).

1929
Darré veröffentlicht "Das Bauerntum als Lebensquell der nordischen Rasse". Er sieht die Germanen als Nachkommen einer nomadischen Krieger- und Bauernrasse und plädiert dafür, daß die Bauernkrieger wieder zum ersten Stand im Volk werden sollen.

[Buch] [Krieger - Zeichnung von Fidus] [Bauern - Zeichnung von Fidus]

1930
Darré veröffentlicht "Neuadel aus Blut und Boden".**** Die Gründe des wirtschaftlichen Verfalls der modernen Industrie- und Massengesellschaft im Zuge der Weltwirtschaftskrise liegen für ihn in den "jüdisch-kapitalistischen" und "jüdisch-bolschewistischen" Machenschaften der "Weimarer Republik". Darré entwickelt den Gedanken einer rassischen und geistigen Erneuerung durch Hinwendung zur Landwirtschaft und Abkehr von der industriellen Produktion. (Das Buch erlebt in den folgenden zehn Jahren mehrere Neuauflagen. Darré wird damit zum geistigen Wegbereiter der "Öko"-Bewegung, die seit den 1970er Jahre wieder entsteht - deren Macher sich seiner freilich nicht gerne erinnern, geschweige denn sich auf ihn berufen,***** obwohl das "Öko-Kartell" längst viel totalitärer ist als Darré und die Nazis es jemals waren :-)


Darré macht sich - ähnlich wie Heinrich Himmler und Adolf Hitler - die Rassentheorien vor allem französischer und britischer Forscher (Gobineau, Knox, Galton, Chamberlain u.a.) zu eigen.

[Gobineau - Über die Ungleichheit der Menschenrassen] [Knox - Die Menschenrassen] [Chamberlain - Die Grundlagen des 20. Jahrhunderts]

Juni: Darré tritt der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei [NSDAP] bei. Er wird Leiter des Agrarpolitischen Apparats.

1931
Februar: Darré wird Leiter des neu gegründeten Rasse- und Siedlungs-Hauptamt (RuSHA) der Schutzstaffel (SS) im Range eines Sturmbannführers.
Darré heiratet in zweiter Ehe Charlotte, geb. v. Vietinghoff.
November: Darré wird zum SS-Standartenführer ernannt.
(Dies war keine "Sprungbeförderung", da es damals den Rang eines "SS-Obersturmbannführers" noch nicht gab. Überhaupt widerstrebt es Dikigoros, in diesem Zusammenhang von einer "Beförderung" zu sprechen, da Darré außerhalb der eigentlichen SS-Laufbahn stand. Im Grunde genommen handelte es sich bei dieser wie auch bei allen späteren Ernennungen eher um eine Aufwertung des Amts, verbunden mit der Übertragung eines entsprechend höheren SS-Rangs - quasi h.c. - an dessen Leiter.)

1932
Juli: Darré gründet die Monatsschrift "Deutsche Agrarpolitik".


November: Darré wird als Abgeordneter der NSDAP in den Reichstag gewählt.
Dezember: Darré wird zum SS-Oberführer ernannt.

1933
Januar: Reichspräsident Paul v. Hindenburg beruft Hitler als Führer der stärksten Reichstagsfraktion zum neuen Reichskanzler. Deutschland hat damit nach Jahren der Präsidialdiktaturdemokratur wieder eine Regierung, die sich auf eine parlamentarische Mehrheit stützen kann.
Der "agrarpolitische Apparat" der NSDAP wird aufgewertet zum "Amt für Agrarpolitik".
April: Darré wird Vorsitzender der "Reichsführergemeinschaft" der vereinigten landwirtschaftlichen Verbände, die im
Mai in "Reichsnährstand" umbenannt wird: Darré erhält den Titel eines "Reichsbauernführers" und wird zum SS-Brigadeführer ernannt.
Er veröffentlicht "Das Schwein als Kriterium für nordische Völker und Semiten".******


Juni: Darré wird Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft ("Reichsernährungsminister").


September: Das von Darré mitgestaltete Reichserbhofgesetz tritt in Kraft. Es regelt die Vererbung von Hofstellen und vermeidet die ruinöse Erbteilung.
Darré betreibt unter dem Dach des Reichsnährstands die genossenschaftliche Vereinigung (böse Zungen sprechen auch von "Gleichschaltung") aller Personen und Verbände, die an der Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte beteiligt sind.


Oktober: Darré zieht das Erntedankfest des Reichsnährstands auf dem Bückeberg bei Hameln als großes propagandistisches Ereignis auf.


November: Das Amt für Agrarpolitik der NSDAP wird zum "Reichsamt" aufgewertet; Darré avanciert zum "Reichsleiter" und SS-Gruppenführer.*******


Die Bezeichnungen "Reichsämter" und "Reichsleiter" waren gleichwohl irreführend, denn es handelte sich nach wie vor nicht nicht um (staatliche) "Ämter" - schon gar nicht des Reichs -, sondern um Untergliederungen der NSDAP. Es wurde und wird oft behauptet, Hitler habe bewußt mehrere Stellen mit sich überschneidenden Kompetenzen geschaffen, um deren Inhaber nach dem alt-römischen Prinzip "divide et impera" gegen einander auszuspielen. Diese Behauptung wird durch die Ämterhäufung Darrés klar widerlegt: Er stand zugleich dem (staatlichen) Ministerium für Ernährung, dem (körperschaftlichen) Lobbyistenverband "Reichsnährstand" - dessen Bezeichnung ebenfalls irreführend war - und dem (partei-internen) Agrar-"Amt" vor; "Kompetenz-Streitigkeiten" hätte er also nur mit sich selber austragen können. In der Regel wurde nicht gegen-, sondern neben einander her, bisweilen sogar zusammen gearbeitet. Ein wichtiges Beispiel ist die Öffentlichkeitsarbeit: Darré stellte die "Landpost" - eine Wochenschrift des "Reichsnährstands" im Zeitungsformat - nicht etwa ein, sondern gab sie künftig als gemeinsames Organ des "Reichsnährstands" und des "Reichsagraramtes" heraus, neben seinem 1932 gegründeten Monatsmagazin.

1934
Januar: Darré macht die "Reichsbauernstadt" Goslar zum Sitz des Reichsnährstands. Fortan finden in der dortigen "Reichsbauernhalle" (statt in Weimar) auch die "Reichsbauerntage" statt.

[Goslar, Reichsbauernhalle] [1. Reichsbauerntag]

Mai: Darré gewinnt den Kunstmaler und Zeichner Wolf[gang] Willrich als Mitarbeiter, der künftig seine Publikationen illustriert, u.a. die Zeitschrift "Deutsche Agrarpolitik", die von da an unter dem Titel "Odal" erscheint (bis 1943).


Juli: Das "Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses" wird verabschiedet. Es folgt US-amerikanischen, skandinavischen u.a. Vorbildern, die z.T. noch heute in Kraft sind.
(Lediglich in der BRD wird die Eugenik seit 1945 als "verbrecherisch" geächtet und die Überwindung der "Euthanasie-Lücke" gefeiert.)

NS-Propaganda für erbgesunde Familien NS-Propaganda für Eugenik-Gesetz [Gesunde Eltern - gesunde Kinder; verwerfliches Nazi-Anliegen]

November: Darré wird zum SS-Obergruppenführer ernannt.

1935
Darré wird zum Ehrenbürger von Goslar ernannt.

1936
Darré veröffentlicht "Blut und Boden, ein Grundgedanke des Nationalsozialismus". Er plädiert für die Einheit eines rassisch definierten Volkskörpers und seines Siedlungsgebietes.


ab 1936
Darré gerät in zunehmenden Gegensatz zu der von Hermann Göring geleiteten Vierjahresplan-Verwaltung.
Der Schwerpunkt der Wirtschaft konzentriert sich auf die Industrie und nicht - wie von Darré erhofft - auf die Landwirtschaft.


Man hat Darré - insbesondere aus dem Dunstkreis von Goebbels und Göring - vorgeworfen, er wollte Deutschland in ein vor-industrielles Agrarland zurück verwandeln, weil er das so romantisch gefunden hätte. Das ist schlicht Blödsinn. Natürlich wollte er nicht zum Holzpflug zurück kehren, sondern wußte auch, daß das angestrebte "100-Millionen-Volk" so nicht hätte ernährt werden können. Aber als jemand, der den Ersten Weltkrieg miterlebt hatte, glaubte er halt, daß man sich nicht allein auf die Industrie verlassen sollte, insbesondere nicht darauf, im Austausch für deren Produkte jederzeit genügend ausländische Nahrungsmittel importieren zu können, sondern besser daran täte, für eine ausreichende Lebensmittel-Erzeugung durch die einheimische Landwirtschaft zu sorgen.

1937
Darré veröffentlicht "Der Schweine-Mord".********

[Buch]

1938
September: Darrés Pläne zur Förderung bäuerlicher Siedlungen im Reich konkurrieren mit Himmlers Ostsiedlungspolitik. Deshalb wird er als Leiter des RuSHA abgesetzt.

1939
September: Nach Beginn des Polenfeldzugs erklären Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg, der sich nach dem Kriegseintritt der USA und Japans bald zum Zweiten Weltkrieg ausweitet.

1940
Darré veröffentlicht "Vom Lebensgesetz zweier Staatsgedanken" und "Marktordnung überwindet Welthandelswirtschaft". (Die argentinische Ausgabe erscheint unter dem Titel "Marktordnung überwindet die internationale Krise".)
Das erste Buch stellt die altgriechische Staatsfilosofie des Lykurgos ("Lykurg") der altchinesischen des Kung Fu-tse ("Konfuzius") gegenüber, das zweite die Vorteile einer wenigstens teilweisen Autarkie den Nachteilen einer so genannten Weltwirtschaft.*********

[Buch] [Buch] [man beachte die Namensschreibung: kein 'Ricardo', Walter ohne 'h'!]

1942
Mai: Nachdem Darrés Bemühungen, Deutschland ernährungswirtschaftlich autark zu machen, gescheitert sind, wird er aus allen Führungs-Positionen entlassen und durch seinen ehemaligen Staatssekretär Herbert Backe ersetzt.
Man kann trefflich darüber streiten, ob sachliche Gründe oder eher persönliche Querelen - insbesondere mit Göring, dessen Vierjahrespläne eine wesentliche Mitschuld an Darrés Versagen trugen - zu seinem Sturz führten. Tatsache ist, daß die Versorgungslage bereits im "Jahrhundertwinter" 1941/42 kritisch wurde. Zwar betonte Goebbels' Propaganda-Ministerium gebetsmühlenartig, daß sie viel weniger schlecht sei als noch im Ersten Weltkrieg, aber das wurde als schwacher Trost empfunden. Das Tagebuch von Dikigoros' Großvater, das weniger von Politik und Kriegsgeschehen - außer den Bombenangriffen auf Hamburg und Umgebung - als vom täglichen Kampf der Zivilbevölkerung ums Überleben handelt, legt davon ein beredtes Zeugnis ab. Urs schildert, wie die Rationen auf den Lebensmittelkarten immer weiter gekürzt wurden und daß in den Kleingärten praktisch nichts mehr anzubauen war - auch kein Tierfutter. Als er seine Kaninchen notschlachten mußte, wogen sie noch 2,5 Pfund (das "normale" Schlachtgewicht betrug 7-8 Pfund); die Hühner zu schlachten hätte nicht gelohnt - sie bestanden nur noch aus Haut und Knochen -; aber sie legten bis zum Sommer, als sie wieder etwas zu Kräften kommen sollten, nichts, was umso schlimmer war, als Hühnerhalter vom Bezug der "Reichseierkarte" ausgeschlossen waren und dafür einen Anspruch auf Futtermittel hatten - der ihnen aber nichts half, da solche nicht mehr in ausreichender Menge zur Verfügung standen. [Auf der Lebensmittelkarte stand auch für jeden Volksgenossen 1/2 l Vollmilch pro Tag; aber zu kaufen gab es nur 1/8 l Magermilch pro Tag.**********] Den salbungsvollen Hinweisen der Propaganda auf den Steckrübenwinter 1916/17 hielt er entgegen: "Habe heute auf der [...]straße Kinder Schlange stehen sehen nach einem Stück rohe Steckrübe für'n Groschen." Die gab es markenfrei - ebenso Pferdeknochen, um sich daraus eine "Kraftbrühe" zu kochen. Urs verglich das mit dem Ersten Weltkrieg, als außerhalb der Städte niemand hungerte. Seine Eltern hatten einen eigenen Hof, eine "Klitsche" zwar nur in der Provinz Posen - die erst seit 1939 "Warthegau" hieß -, aber sie waren "Selbstversorger" und wurden satt - bis zum "Schweinemord" von 1915 auch mit Fleisch. Er schimpfte jedoch nie auf Darré, sondern immer nur auf den wohlgenährten "Reichsmarschall". (Er setzte das in Anführungsstriche, weil es diesen Dienstgrad seiner Meinung nach nicht gab :-) Unter die ausgeschnittene Zeitungsnotiz vom Hungerstreik Gāndhīs schrieb er mit Galgenhumor: "In Indien hungert einer für alle; in Deutschland hungern alle für einen!" Er hatte wohl erkannt, wer der wahre Schuldige an der Misere war. Görings live im Radio übertragene Rede zum Erntedankfest vom 4. Oktober im Berliner Sportpalast, in der er die Schuld an der Lebensmittelsknappheit im Reich den 6 Millionen Fremdarbeitern und den 5 Millionen Kriegsgefangenen, die Deutschland mit ernähren müsse, zuschob, kommentierte er mit beißendem Sarkasmus: Die ersteren arbeiteten schließlich, also mußten sie auch essen, und die letzteren waren nicht freiwillig da; außerdem wurden auch sie zur Arbeit heran gezogen - außer Offizieren, die durften Däumchen drehen, die bösen Nazi-Deutschen waren da, im Gegensatz zu den gut-demokratischen Alliierten, hyperkorrekt -, z.B. zu Aufräumarbeiten nach Bombenangriffen.
(Zum Vergleich: Ein Dreivierteljahrhundert später lebten in den Nachfolgestaaten des Deutschen Reichs, BRDDR und RÖ, mehr als 11 Millionen Fremdländische, die sich durchschmarotzten, ohne einen Handschlag zu arbeiten, und außerdem durch ihre Kriminalität eine geradezu kriegsmäßige Bedrohung darstellten. Die Verbrecherregimes in Berlin und Wien nannten sie "Flüchtlinge", aber im Volksmund hießen sie nur "Rapefugees".)


Im übrigen brachte Darrés Ablösung keine Besserung: Nach dem kalten, verregneten Sommer 1942 und einer verheerenden Insektenplage - in Hamburg ging das Gerücht um, die Briten hätten neben Bomben auch Insekten als "biologische Kampfmittel" abgeworfen - gab es erneut eine Mißernte. Für das Wetter konnte "au Backe" zwar nichts; aber seine Maßnahmen - ergriffen, um die Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten nachhaltlich zu steigern - bewirkten genau das Gegenteil: Als im November 1942 die Eierablieferungspflicht eingeführt wurde - ohne daß im Gegenzug Futtermittel zur Verfügung gestellt worden wären -, schlachteten alle privaten Hühnerhalter ihre Tiere bis auf die 1,5 pro Nase, deren Eier sie zum Eigenverzehr behalten durften; auch die von Dikigoros' Großeltern wanderten bis auf dreie in den Kochtopf. [Und wer sich noch den Luxus leistete, einen Hahn, einen Erpel oder einen Ganter zu halten, brachte die befruchteten Eier nicht mehr in die staatliche Brutanstalt, sondern zu einem Nachbarn, der sich noch den Luxus leistete, eine Glucke zu halten, und machte mit ihm halbe-halbe.] Und als zwei Wochen später auch noch die Abgabepflicht für Zuckerrüben, Erbsen und Hafer eingeführt wurde, bauten die Privatleute einfach keine mehr an, und die Verpflegungslage verschlechterte sich weiter. In weiser Voraussicht deckte sich Dikigoros' Großvater für den Winter 1942/43 ein mit sage und schreibe 8 Zentnern Steckrüben - die gab es noch immer ohne Marken à 3,50 RM frei Haus (Sauerkraut alias "Sauerkohl" hätte es auch noch markenfrei gegeben; aber das mochte er aus unerfindlichen Gründen nicht) - und 1/2 Zentner Sonnenblumenkerne - die tauschte er schwarz gegen 250 Zigaretten. [Ein Jahr später bekam er nur noch 2 Ztr. Steckrüben à 4,20 RM, und gerade als die aufgebraucht waren, hatte er das Glück, nochmal welche nachkaufen zu können; sie wurden allerdings nicht mehr in Ztr. gehandelt, sondern in Pfund, à 6 Pf - also umgerechnet 6.- RM/Ztr.; er bekam 60 Pfund. Sonnenblumenkerne konnte er keine mehr auftreiben, aber immerhin 1/2 Ztr. Hühnerfutter gegen 1 Flasche Schnaps - 0,75 l 35%iger "Goldbranntwein" - , die ihn nur 60 Zigaretten gekostet hatte. (Für 1 Flasche Cognac hätte er einen ganzen Ztr. haben können; aber sein Sohn war nun mal nicht in Frankreich stationiert. Außerdem wäre es Verschwendung gewesen, denn die letzten Hühner fielen im Sommer 1943 der Operation "Gomorrha" zum Opfer, d.h. sie starben im alliierten Bombenhagel, und danach gab er die Hühnerhaltung ganz auf. Seitdem bekam er die "Reichseierkarte" - aber bald keine Eier mehr; sein Tagebuch ist voll geklebt mit nicht abgestempelten, d.h. mangels Masse nicht eingelösten und verfallenen Abschnitten. Warum das so war? Ganz einfach: Anfang Dezember 1943 war durchgesickert - und hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet -, daß eigenes Geflügel und Kaninchen künftig auch auf die ohnehin schon knappe Fleischration angerechnet werden sollten. Als dann am 3.12.43 die Viehzählung statt fand, gab es plötzlich in keinem Privathaushalt mehr welche, sei es, daß sie tatsächlich alle Hals über Kopf - im wahrsten Sinne des Wortes - geschlachtet worden waren, sei es, daß sie so gut versteckt wurden, daß sie kein Zähler mehr fand. [Ersteres war übrigens durchaus erwünscht. Im Januar 1944 erschienen mehrere Zeitungsartikel, in denen gegen Kleintierhalter gehetzt und ihnen vorgeworfen wurde, daß ihr Geflügel und ihre Kaninchen den ungleich wichtigeren Schweinen das Futter weg fräßen, wobei es erst "382.000", dann "600.000" und schließlich "fast eine Million" hungernde Schweine sein sollten - man fühlt sich beinahe an die wundersame Zahlenvermehrung der Shoa-businessmen erinnert!] Wie dem auch sei, fortan wurde nichts mehr abgeliefert; und wo nichts ist, hat der Karteninhaber sein Recht verloren.) Auf Rückfrage: Natürlich gab es auch Kartoffeln - aber nur auf Karte: 3 Ztr. pro Jahr und Nase, also knapp 1 Pfd./Tag. Das mag heutigen Lesern viel erscheinen; aber damals aß man - jedenfalls in Norddeutschland - weder Reis noch Nudeln, d.h. Kartoffeln waren die einzige "Sättigungsbeilage". Außerdem waren z.B. von der Ernte 1943 nach Urs' Schätzungen "fast 50% verdorben und für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet." Man mußte sie also heimlich an die Tiere verfüttern - obwohl das streng verboten war. Auf Karte gab es auch Speck, aber diesen Satz wollt Ihr bitte richtig verstehen, liebe Leser: Es gab Speck auf der Karte, aber nicht notwendiger Weise auch auf die Karte: In Urs' Tagebuch klebt z.B. eine Karte mit 18 Abschnitten für "Schweinefleisch" und 18 Abschnitten für "mageren Speck"; davon sind drei für Schweinefleisch abgestempelt, für Speck kein einziger - den gab es nur auf dem Tauschwege. (Gleich darunter klebt ein Zeitungsartikel über die Strafbarkeit des Schwarzmarkthandels, incl. -tausches :-) Das war schlimm, denn den brauchte man, um Ratten und Mäuse zu fangen, weil es in Hamburg keine Katzen mehr gab - sie waren längst in den Kochtopf gewandert als "Kaninchen vom Dach" oder "falsche Hasen" - echte wurden nur mit einer vollständigen Pfote als Beweismittel verkauft.]
Darré veröffentlicht "Neuordnung unseres Denkens".

[Buch]

1944
Darré veröffentlicht "Zucht als Gebot".

1945
Nach Kriegsende wird Darré im berüchtigten westalliierten Concentration Camp Ashcan (Luxemburg) gefangen gesetzt und nach ausgebieger Folter peinlicher Befragung vor dem inter-alliierten Militär-Tribunal [IMT] in Nürnberg als "Kriegsverbrecher" angeklagt.


1948
Die im Bombenkrieg unversehrt gebliebene Reichsbauernhalle in Goslar wird als "Nazi-Bauwerk" vollständig niedergebrannt (griechisch "holokávtomai" - daher die englische Verballhornung "Holocaust").

1949
April: Darré wird zu sieben Jahren Haft verurteilt und in Landsberg eingekerkert.

1950
Um keinen Martyrer zu schaffen, wird der durch die in fünf Jahren alliierter Gefangenschaft erlittenen Mißhandlungen frühzeitig gealterte und schwer kranke Darré vorzeitig aus der Haft entlassen.

1951
Darré veröffentlicht "Bauer und Technik".

1953
05. September: Walther Darré stirbt in Münchnen. Er wird in Goslar beigesetzt.


* * * * *

2012
Aat van Gilst veröffentlicht eine Kurzbiografie Darrés mit dem Untertitel "Minister und Ideologe".


2013
Oktober: Die Stadt SchildaGoslar entzieht Darré (und Hitler :-) die - bereits seit 60 Jahren erloschene - Ehrenbürgerschaft.
(Dem waren 10-[zehn!-]jährige Beratungen voraus gegangen; über kein Thema wurde im Stadtrat von Goslar jemals so lange und ausgiebig verhandelt - offenbar gab es nie etwas wichtigeres :-)


2016
Eric Kaden veröffentlicht die erste fundierte Darré-Biografie.


2020
08. Mai: Am 75. Jahrestag des glorreichen Sieges der gut-demokratischen Alliierten über die bösen Nazi-Deutschen im Zweiten Weltkrieg und die damit einher gegangene Befreiung stellt die Fraktion der SED-Nachfolgepartei "Die Linke" im Stadtrat von Goslar zweieinhalb Anträge:
(Über die Anträge wird intensiv beraten - vielleicht wieder 10 Jahre lang?)
Das Schmierenblatt äußerst seriöse Presse-Organ Focus berichtet ausführlich; der zuständige Redakteur stellt überdies die berechtigte Frage, wie es sein kann, daß vor Darrés Grab ständig frische Blumen stehen - pfui aber auch!


*Darré pflegte seinen ersten Vornamen mit "R." abzukürzen; es verbietet sich also, ihn in "Richard" umzubenennen. (Wenngleich "Ricardo" nichts weiter als dessen Übersetzung ins Spanische ist. Aber man benennt ja auch "Wolfgang A. Mozart" nicht in "Wolfgang Gottlieb Mozart" um, sondern bleibt beim ungeliebten "Amadeus" :-) Die bisweilen anzutreffende Schreibweise "Walter" (ohne "h") ist ausweislich seiner eigenhändigen Unterschrift falsch.

**Das "Päda" besuchten damals auch der spätere Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess und der spätere "Reichstrunkenbold" Robert Ley - der deutsche "Spitzen-Politiker" mit dem höchsten Alkoholkonsum vor Willy Brandt und Johannes Rau.

***Die Schule wurde von Richard Hindorf gegründet, einem der ganz Großen der Kolonialzeit - dessen Wirken (übrigens nicht nur in deutschen Schutzgebieten, sondern auch in britischen und niederländischen) mehr Nachruhm verdient hätte als das von Lüderitz, Nachtigal und Peters zusammen. Hindorf verfaßte u.a. 1913 das erste deutschsprachige Bahasa-Lehrbuch. Paul Ettighoffer - ein Landsmann, Berufs- und Altersgenosse von Kasimir Edschmid - setzte ihm 1943 mit dem Tatsachenroman "Sisal, das blonde Gold Afrikas" ein literarisches Denkmal. Das Buch wurde allerdings - wie alle zur Zeit des "Dritten Reichs" entstandenen Bestseller - nach dem Zweiten Weltkrieg als "nazistisch" verboten, sein Autor als "Militarist" und "Rassist" geächtet.

[Deutsche Kolonialschule Wilhelmshof]

****Im Nachhinein wurde und wird Darré oft als "Erfinder" der "Blut- und Boden-Ideologie" dargestellt. Aber er war lediglich derjenige, der das griffige Schlagwort "Blut und Boden" prägte. [Die ursprüngliche Bezeichnung war "Blut und Erde" - wie es ja in der Theorie auch richtiger ist, denn die ist gemeint; "Boden" hat auch ein Dachspeicher, ein Weinfaß u.a.] Darré hatte erkannt, daß es in der Praxis bei Propaganda-Begriffen weniger auf den tieferen Sinn ankommt als vielmehr auf den guten Klang - und der war durch die Alliteration "Blu-Bo" gegeben.

Die dahinter stehende Ideologie ist viel älter; man findet sie schon im Alten Testament; sie ist also, wie so vieles bei den Nazis - vom "Tausendjährigen Reich" über den Gruß "Heil [Schalom]" bis zum Ideal der "Reinrassigkeit" durch "Ausmerzung" der "Artfremden" -, jüdischen Ursprungs.

*****Um diese Frage tobt ein erbitterter Streit, den im Haupttext auszubreiten den Umfang dieser Webseite sprengen würde. Daher nur so viel: Anna Bramwell - die angelsächsische Petra Kelly - eröffnete ihn 1985 mit "Blut und Boden. Walther Darré und Hitlers Grüne Partei", das sich auch in Argentinien gut verkaufte und Darrés Programm durchaus positive Seiten abzugewinnen vermochte. Dem trat der japanische (?) Kommunist J. Sakai vehement entgegen, der zu jenen gehörte, die überall auf der Welt die grünen Parteien unterwanderten und in rote Parteien umfunktionierten, daher das Monopol auf Umweltschutz für die Linke in Anspruch nahmen. Eine Mittelposition vertreten Franz-Josef Bruggemeier, Mark Cioc und Thomas Zeller - Dikigoros' Leser kennen das Titelbild ihres Buches "Wie grün waren die Nazis?" bereits von seiner Webseite über Hitler.

Letztlich ist dieser Streit müßig. Die wenigen positiven Ideen, die den heutigen "Grünen" noch geblieben sind, sind älter als ihre Parteien, aber wohl auch älter als Darré. Er war jedoch der erste, der sie in ein politisches Programm zusammen gefaßt hat, das sicher weniger weltfremd war als etwa das eines Jean-Jacques Rousseau. (Oder, um einen etwas "zeitgenössischeren" Schriftsteller heraus zu greifen, das eines Knut Hamsun, auf den sich ja auch kein Grüner mehr berufen mag.) Freilich gelang es Darré nicht, dieses auch durchzusetzen - und zumindest das hat er ja mit den "Grünen" gemeinsam :-)

******Hinter dem etwas ulkig klingenden Titel verbirgt sich eine durchaus ernst zu nehmende Abhandlung über die alte Weisheit, daß der Mensch ißt, was er ißt - und was er nicht ißt, d.h. die unterschiedlichen Nahrungstabus der unterschiedlichen Völker. Dikigoros hegt zwar gewisse Zweifel, ob ausgerechnet der Verzehr oder Nichtverzehr von Schweinefleisch ein geeignetes Abgrenzungskriterium ist. (Auch das Schwein ist, was es ißt; ob sein Fleisch gesund oder ungesund ist, hängt davon ab, ob man es artgerecht füttert oder mit Dreck, Antibiotika und Wachstumshormonen voll pumpt. Da in unserer Zeit letzteres die Regel ist, verzichtet Dikigoros, auch ohne Jude oder Muslim zu sein, schon seit vielen Jahren auf seinen Verzehr.) Darré stand jedoch mit dieser Auffassung durchaus nicht allein: Schon die spanische Inquisition hatte sich bei der Fahndung nach nur zum Schein zur Christentum konvertierten Juden und Muslimen des "Schweinefleischtests" bedient. Da Darré zu einer Zeit in Argentinien gelebt hatte, als spanische Geschichte dort noch zum Unterrichtspensum ab der 1. Schulklasse gehörte, darf man annehmen, daß ihm dies bekannt war.

*******Jemand schrieb Dikigoros, das sei nicht korrekt; vielmehr sei Darré schon im Mai 1933 zum Gruppenführer ernannt worden - nicht etwa zum Brigadeführer; diesen Rang habe er nie bekleidet; das ergebe sich aus seiner SS-Akte. Ob so viel Vertrauens in die Akten mußte Dikigoros lächeln. Was hätte er antworten sollen: "Junger Mann, ich habe schon Geschichte studiert, als Sie gerade erst geboren waren; und damals hat man an deutschen Universitäten noch etwas gelernt, vor allem das, was der große Hellmut Diwald mal so formulierte: Die Kunst des Historikers liegt nicht darin, neue Quellen zu finden, sondern die vorhandenen richtig auszuwerten..."? Nein, das wäre nicht richtig: 1. ist der Mann gar nicht mehr so jung - das kommt Dikigoros nur so vor, weil er selber schon so alt ist. 2. gibt es auch in Dikigoros' Generation Historiker, deren Quellenauswertung arg zu wünschen übrig ließ und läßt - während es unter den jüngeren Historikern durchaus positive Ausnahmen gibt. Und 3. muß er sich vielleicht auch ein wenig an die eigene Nase fassen: Er hat ein gutes Dutzend Kurzlebensläufe deutscher Militärs ins www gestellt; aber in keinem einzigen hat er eigens erwähnt, daß die tatsächlichen und die in den Akten eingetragenen Beförderungsdaten nichts mit einander zu tun haben müssen, weil er irrtümlich annahm, daß das ohnehin jeder wisse. (Ohne Hintergrundwissen ist die richtige Interpretation solcher - und anderer - Quellen nun mal schwierig. Jeder nachgeborene Historiker würde die Wehrpässe von Dikigoros' Vater und Großvater für plumpe Fälschungen halten - er selber auch, wenn er nicht aus den Erzählungen seines Vaters und dem Tagebuch seines Großvaters das Hintergrundwissen darüber hätte, wie die z.T. ans Absurde grenzenden Eintragungen zustande kamen - die aber nicht gefälscht, sondern nur falsch im Sinne von "inhaltlich unrichtig" sind. Selbst Diwald hat sich mal verhoben, als er sich - ohne jedes Hintergrundwissen über China - anmaßte, über Mao Tse-tung zu urteilen.) Wenn z.B. ein ehemaliger Kadett seine Offiziersprüfung bestanden hatte, wurde er zum Leutnant befördert; diese Beförderung wurde aber in seinen Akten vordatiert auf den Tag der Reifeprüfung, also um 2-3 Jahre. Das war keine Falschbeurkundung, sondern amtlich vorgeschrieben und wichtig für das Dienstalter, weil oft nicht nach Leistung, sondern nach dem "Anciennitätsprinzip" befördert wurde. Nun war Darré kein Soldat, erst recht kein kleiner Leutnant im Kaiserreich, sondern ein hoher SS-Offizier, pardon SS-Führer hieß das ja bei denen; also muß jemand, der sich mit ihm befaßt hat, das nicht notwendiger Weise wissen - oder? Mit dem Kaiserreich endete doch auch die Zeit der Kadettenanstalten?! Ja, aber die Praxis verschwand nicht ganz; und sie wurde auch in der SS gepflegt. Hätte der nicht mehr ganz so junge Mann Dikigoros' Webseite über Sepp Dietrich gelesen, dann wüßte er, daß dessen letzte Beförderung zum Oberstgruppenführer um fast zweieinhalb Jahre vordatiert wurde - denn das hat Dikigoros erwähnt, weil es dort eben wegen der Anciennitätsfrage gegenüber Paul Hausser eine Rolle spielt. Kurzum, Darrés SS-Akte kommt als Quelle für die Datierung seiner Beförderungen kein großes Gewicht zu; es kann durchaus sein, daß seine Ernennung zum Gruppenführer vordatiert wurde auf den Tag seiner Ernennung zum Brigadeführer und die letztere dafür aus der Akte entfernt wurde. Viel [ge]wichtiger ist das Foto auf der Postkarte anläßlich seiner Ernennung zum Reichsernährungsminister im Juni 1933. Dort trägt er die Uniform eines SS-Brigadeführers, woraus zweierlei folgt: 1. muß er diesen Rang - Akte hin, Akte her - einmal bekleidet haben, 2. kann er nicht schon im Mai 1933 Gruppenführer gewesen sein. Gewiß, Fotos können lügen, gerade wenn sie - wie dieses - aus einer Abteilung des Propaganda-Ministeriums kommen; aber in diesem Fall gab es keinen Grund zu lügen; und geschlampt wurde bei Goebbels nicht: Der achtete darauf, daß mit seinen Wahrheiten ebenso sorgfältig umgegangen wurde wie mit seinen Lügen; einen Ministerkollegen mit falschem - niedrigerem - Dienstrang abzubilden... das wäre nie und nimmer passiert! (Davon abgesehen hat Dikigoros in seinem Archiv noch ein halbes Dutzend weiterer Fotos, die Darré als Brigadeführer zeigen und nicht aus dem Propaganda-Ministerium stammen, sondern völlig unverdächtig sind; aber er wird sie hier nicht alle abbilden; wer neugierig ist darf ihm gerne mailen :-) Eigentlich ist das ja nicht so wichtig (Dikigoros meint das Beförderungsdatum, nicht die Zuschrift - er nimmt jede sachliche Kritik wichtig); aber es eignet sich halt gut als Aufhänger für ein paar grundsätzliche Ausführungen zur vergleichenden Quellen-Interpretation; und in einer Datei, die innerhalb seiner Webpräsenz bloß auf der 5. Ebene verlinkt ist, darf ein solcher Exkurs in Form einer verlängerten Fußnote schon mal sein, ebenso wie die Exzerpte aus dem Tagebuch seines Großvaters, die er z.T. sogar auf Dateien der 4. Ebene eingefügt hat, weil es zu manchen Dingen keine besseren Quellen gibt - oder überhaupt keine anderen, z.B. zum Spinola-Bild von Andreas Gröber und zum Domschatz von Catania.
Um Rückfragen vorzubeugen: 1. Ebene sind die "Reisen durch die Vergangenheit", 2. Ebene die "Lebensläufe", 3. Ebene die "Politiker"-Biografien, 4. Ebene ist hier der Lebenslauf Hitlers, auf dem als 5. Ebene diese u.a. Dateien verlinkt sind, um Dikigoros' These zu belegen, daß sich letzterer vorzugsweise mit Leuten umgab, die entweder ausländischer Abstammung oder im Ausland geboren oder längere Zeit im Ausland wohnhaft waren. Das gilt eigentlich für alle mit Ausnahme Himmlers und Speers; auch Darrés Nachfolger Backe war im Ausland geboren, nämlich in GrusinienGeorgien, als Untertan des Tsaren.

********Daraus würde Dikigoros am liebsten lange Passagen zitieren, aber auch das würde den Rahmen dieser Webseite sprengen; deshalb auch hierzu nur so viel: Vor dem Ersten Weltkrieg hatte die Reichsleitung - der jegliches "Autarkie"-Denken abging - in sträflichem Leichtsinn die deutsche Viehzucht von Futtermittel-Importen abhängig werden lassen ("Freihandel" statt "Schutzzölle"); jährlich wurden allein aus dem Tsarenreich 3 Millionen Tonnen Gerste als Schweinefutter gekauft. (Die eigene Gerstenernte reichte gerade mal zum Bierbrauen; und das einzustellen hätte eine Revolution hervor gerufen.) Auf Kartoffeln konnte man nicht umsteigen, denn mit denen mußten die Menschen gefüttert werden. Also wurde Anfang 1915 die Massenschlachtung von 5 Millionen Schweinen und die Verarbeitung des anfallenden Fleisches zu Konserven angeordnet. Da aber inzwischen auch ordentliches Metall knapp geworden war - die Rüstungsindustrie hatte Vorrang - kam es in minderwertige Blechdosen; und die gesamten vorräte verdarben. Die Hungersnot, die ihren Höhepunkt im berühmt-berüchtigten "Steckrüben-Winter" fand, war also hausgemacht durch die Dummheit der Politiker und ihrer "wissenschaftlichen" Berater. Die Aktion ging als "Schweinemord" oder "Professoren-Schlachtung" in den Volksmund ein. (Und viele bedauerten, daß nicht die Professoren, die jenen Irrsinn ausgeheckt hatten, ihrerseits geschlachtet wurden.)
Die "Schweinelücke" wurde auch nach dem Ersten Weltkrieg nie wieder richtig geschlossen, denn es fehlte nach wie vor an Futter. Als am 1.1.1937 - nicht etwa am 1.9.1939, wie heutige Geschichts- und Märchenbücher glauben machen wollen - im Reich wieder Lebensmittelkarten eingeführt wurden, betraf das zunächst Produkte aus der "Fettlücke", und zwar nicht nur Butter, sondern auch Schweineschmalz und sogar Margarine. Ersteres war nicht so schlimm, denn die konnte sich eh nicht jeder Volksgenosse leisten; letzteres auch nicht, denn die "Schmiere" wollte nicht jeder Volksgenosse essen; aber die Rationierung von Schweineschmalz - bzw. Schweinebauch- und Rückenfett zu dessen privater Herstellung - wurde äußerst übel aufgenommen. ("Die Nazis haben uns Arbeit und Brot versprochen, aber offenbar ohne was drauf!") Da halfen auch großangelegte Ausstellungen - vor allem in den Küstenstädten - wie "Segen des Meeres" nicht, die der Bevölkerung (völlig zurecht, denn damals waren die Gewässer noch nicht so verseucht wie heute :-) erklärten, daß es doch viel gesünder sei, Fisch statt Schweinefleisch zu essen.

Fast 100 Jahre später gewann das Thema eine neue, geradezu bestürzende Aktualität: Als anno 2011 nach dem so genannten "arabischen Frühling" auch in Ägypten islamische Fundamentalisten an die Macht kamen, hatten sienichts eiligeres zu tun, als alle Schweine im Lande zu ermorden, um der kopten-christlichen Minderheit wirtschaftlich das Genick zu brechen. Sie schaufelten sich damit allerdings ihr eigenes Grab, da die Schweine zugleich die - einzige - Müllabfuhr waren. Als sich die Abfälle in den Straßen Kairos u.a. ägyptischer Städte immer höher türmten und im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel stanken, raffte sich die Armee auf, das Terror-Regime zu stürzen und wieder eine Militär-Diktatur einzuführen, die wenigstens für saubere Straßen sorgte. Dem "Volk" aber - dem es im "Winter" zu gut gegangen war, und das geglaubt hatte, in einem rein islamischen Staat würde es ihm noch besser gehen - ging es nun, nach der Vernichtung materieller Werte, die Revolutionen und ihre Nachwehen nun mal mit sich bringen, erheblich schlechter als zuvor - zumal die islam-freundlichen Regimes in Washington und Berlin ihre Entwicklungshilfe-Zahlungen an Ägypten, die sie nach der Machtergreifung der Fundamentalisten verzehnfacht hatten, nach deren Sturz schlagartig einstellten. (Dikigoros würde das als "Lehrstück" bezeichnen - freilich nicht [nur] für die Folgen eines millionenfachen Schweine-Mordes, sondern für die Folgen einer islamischen Machtergreifung schlacht-, pardon, schlechthin.)

*********Zwei Themen, die heute - nach dem Scheitern sowohl der Parteien-"Demokratie" als auch der "Globalisierung" - wieder an Aktualität gewonnen haben und deshalb von den Herrschenden mit allen Mitteln unterdrückt werden. Dabei gehen sie so weit, die historische Existenz sowohl des Chinesen - die freilich schon immer etwas zweifelhaft war - als auch des Spartaners - die bis Ende des 20. Jahrhunderts niemand ernsthaft angezweifelt hatte - zu bestreiten. Was sie an der - angeblichen - Lehre des Konfuzius stört (deren Inhalt, Entstehungsgeschichte und Überlieferung viele Parallelen zu den - angeblichen - Lehren des Erleuchteten aus Lumbinī und des Geschmiertensalbten aus Nazareth aufweisen), ist schwer nachzuvollziehen, da sie überwiegend aus Aforismen besteht, von denen sich jeder nach Belieben heraus picken kann, was ihm gerade gefällt. (Die so genannte "Mao-Bibel"besteht überwiegend aus - z.T. leicht veränderten - PlagiatenZitaten jener Aforismen. Da während der "Kultur-Revolution" fast alle Gelehrten ermordet und fast alle alten Bücher verbrannt wurden, fiel das in Rot-China kaum jemandem auf - und den ungebildeten Maoisten im Ausland sowie nicht.) An der Lehre des Lykurgos - die so unterschiedliche Personen wie Rousseau und Schiller (der sie freilich nicht mit der des Konfuzius, sondern mit der Solon verglich) faszinierte und wohl auch das "Reichserbhofgesetz" inspirierte, dürfte sie vor allem die Idee der "Volksgemeinschaft", der Gewaltenteilung und der Abschaffung der Parteien stören. Dabei sind andere Punkte viel bedenklicher. Dikigoros bezweifelt zwar nicht, daß es sich zumindest in den sechs Friedensjahren des "Dritten Reichs", um mit Rousseau zu sprechen, viel freier, gleicher und brüderlicher leben ließ als in der zunehmend totalitären, islamisierten und bastardisierten BRDDR von heute; aber im Sparta des Lykurgos möchte er, anders als Schiller, nicht gelebt haben. Anzumerken ist noch, daß sich Hitler - entgegen Darré - nicht als neuer Lykurg sah, sondern vielmehr als neuer Perikläs. (In der BRDDR ist das tabu, da man letzteren - dessen historische Existenz sich schlecht bestreiten läßt - noch nicht als "Vorläufer des Faschismus" diskreditieren will. In der Schweiz dagegen machte man 2004 einen Historiker zum ordentlichen Professor an der Universität Zürich, der knapp 20 Jahre zuvor mit einer Dissertation über das Thema "Von Perikles zu Hitler?" - in der er die Parallelen freilich brav relativiert - promoviert worden war; allerdings hätte Darré wohl bemerkt, daß es sich um eine "akademische Inzucht" reinsten Wassers handelte :-)

**********Die Milchhändler hatte Dikigoros' Großvater besonders "gefressen"; Seiten lang ließ er sich über sie aus. Er unterstellte, daß sie "von oben" durchaus genug Vollmilch geliefert bekamen, den größten Teil davon aber "verschwinden" ließen und auf dem Schwarzmarkt zu weit überhöhten Preisen verkauften, während sie den traurigen Rest mit Regenwasser verdünnten, so daß es nur noch Magermilch war. Aber er traute sich nicht, Strafanzeige zu erstatten, denn er ging davon aus, daß sowohl Polizei als auch Staatsanwaltschaft von den Milchhändlern "geschmiert" waren. Angeblich dachten alle Volksgenossen so. A propos: Ihr stört Euch doch hoffentlich nicht an diesem Wort, liebe Leser, oder? Da es heute völlig aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist, weiß Dikigoros selber nicht genau, welche Bedeutung es hat[te]; aber aus den Aufzeichnungen seines Großvaters ergibt sich ganz eindeutig, wie er es verstand. Für ihn gab es zwei Sorten von Deutschen: Diejenigen, die man heute "Nazis" nennt - die nannte er "Parteigenossen" - und die anständigen, d.h. diejenigen, die nicht in der Partei waren - die nannte er "Volksgenossen". War er selber denn in keiner Nazi-Organisation? Na klar war er das: im Gartenverein Wilhelmsburg 1918 e.V., der seit 1933 "NS-Gartenverein" hieß und einen neuen Vorsitzenden - pardon, das hieß ja nun nicht mehr Vereinsvorsitzender, sondern Vereinsführer - bekommen hatte, einen "PG" mit dem urdeutschen Namen Kleophas. (Na klar ist das ein deutscher Name, das könnt Ihr z.B. auf der Webseite Nordic names nachlesen. Nur völlig ungebildete Banausen würden behaupten, daß dies in Wahrheit die pseudo-griechische Verballhornung eines jüdischen Namens sei; das ist so ähnlich wie bei Salomon :-) Na und? Was hätte Urs denn tun sollen? Austreten? Dann hätte er seinen Kleingarten die längste Zeit gehabt, denn die Verpachtung - incl. Verlängerung bestehender Pachtverträge - lief über den Verein. Pacht und Vereinsbeitrag wurden zusammen gezahlt, 12,90 RM p.a. incl. Versicherung, dafür hätte er sonst nirgendwo einen Garten bekommen. (Auf Rückfrage: Wovon denn ein Gartenverein bei so niedrigen Beiträgen leben konnte? Nun ja, er bekam ja auch Saatgut, Tierfutter, Geräte und Zubehör - z.B. Holzbretter und Pappe zum Bau von Gartenlauben - "von oben" zugeteilt; und die gab er halt mit einem kleinen Aufpreis an die Mitglieder weiter - die Differenz floß in die Vereinskasse. Das fanden auch alle in Ordnung, denn so wurde sicher gestellt, daß nur diejenigen zahlten, die etwas davon in Anspruch nahmen, nicht die Allgemeinheit der Mitglieder, die vielleicht gar keine Gartenlaube bauen oder gar keine Kaninchen halten oder gar keinen Raps anpflanzen wollten. Und es war immer noch billiger als auf dem "freien Markt" - vom Schwarzmarkt ganz zu schweigen.) Und der war für ihn in einem Maße Lebensmittelpunkt, wie man sich das heute, im Zeitalter der Supermärkte und des Überangebots an Nahrungsmitteln, kaum mehr vorstellen kann. Er war [über]lebenswichtig für ihn, seine Familie, seine Kaninchen und sein Geflügel.


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