Ernst Thälmann

(1886 - 1944)

[Ernst Thälmann]
[Unterschrift]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1886
16. April: Ernst "Teddy" Thälmann wird als Sohn zweier Kleinkrimineller, Johannes Thälmann und Magdalena Kohpiss, in Altona nahe Hamburg, der "Hauptstadt des Sozialismus" (Bebel), geboren. Da seine Eltern sich meist im Knast befinden, wächst Thälmann bei Pflegeeltern auf.

1888
Hamburg tritt dem Zollverbund des 1871 gegründeten Deutschen Reichs bei (unter Bewahrung eines Freihafens für den Zwischenhandel) und nimmt von da an einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung, der es bald zur wichtigsten Hafenstadt auf dem Kontinent macht.

1893
Thälmann kommt auf die Volksschule, die er nach sieben Jahren ohne Abschluß verläßt.

1896
November: Thälmann erlebt den großen Hamburger Hafenarbeiter-Streik1 mit, der nach drei Monaten scheitert.


1900-1902
Nachdem er die Schule verlassen hat, leistet Thälmann seinen Eltern zu ihren diversen Aktiviäten Beihilfe.

1902
Thälmann verläßt seine Eltern und zieht nach Hamburg.

1903
Mai: Thälmann wird Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SPD), einem Zusammenschluß von SDAP und ADAV.

1904
Februar: Thälmann wird Mitglied des Zentralverbands der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter Deutschlands.
Er versucht sich als Transport-, Hafen- und Werftarbeiter, wird aber jedesmal nach kurzer Zeit wieder entlassen.
In den Akten der Hamburger Polizei wird er wegen diverser politischer und nicht-politischer Aktivitäten als Krimineller geführt.

1906
Oktober: Thälmann wird zum Militär eingezogen, aber nach einem Jahr als "unbrauchbar" entlassen.

1907
Thälmann wird Heizer auf einem Transatlantik-Dampfer, aber noch im selber Jahr entlassen.

1907-1915
Thälmann arbeitet als Speicherarbeiter, Schauermann und (seit 1909) Kutscher in Hamburg.

1913
Thälmann unterstützt die Forderung der polnischen Jüdin Rosa Luxemburg nach dem Massenstreik als Aktionsmittel zur Durchsetzung politischer Forderungen, den der Vorstand der SPD bereits 1906 aus ihrem Parteiprogramm gestrichen hatte.
Thälmann agitiert auch gegen die Bewilligung der von Reichskanzler Theobald v. Bethmann Hollweg eingebrachten Heeresvorlage durch die SPD.
Die Mehrheit der SPD-Abgeordneten ist jedoch der Auffassung, daß Deutschland gerüstet sein müsse, um im Falle eines zu erwartenden Krieges die russischen Arbeiter vom Tsarismus zu befreien.

1914
August: Der Erste Weltkrieg bricht aus.

1915
13. Januar: Thälmann heiratet die Schuhmachertochter Rosa Koch. Aus der Ehe geht eine Tochter hervor.


1915
15. Januar: Thälmann wird erneut zum Militär eingezogen. Als Artillerist hinter der Front bleibt ihm der Schrecken der Schützengräben erspart.

1918
Januar: 600.000 Rüstungsarbeiter folgen einem Streikaufruf der Sozialisten und bringen Deutschland so an den Rand einer Kriegsniederlage.²
Oktober: Thälmann desertiert nach einem Heimaturlaub.
November: Thälmann tritt der "Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD)" bei, die sich von der SPD abgespalten hat und den Sturz der Monarchie herbei führt.

1919
Januar: Die Hamburger "Kommunistische Partei Deutschlands (KPD)" fordert die bewaffnete Unterstützung der soeben ausgerufenen Bremer Räterepublik gegen die von Gustav Noske befehligten Truppen. Thälmann ist am Diebstahl von Waffen aus Polizeigebäuden und Kasernen beteiligt.
März: Thälmann wird Mitglied des Hamburger Stadtparlaments ("Bürgerschaft")
Mai: Thälmann wird zum 1. Vorsitzenden der Ortsgruppe Hamburg der USPD gewählt.

1920
März: Der "Kapp-Putsch" scheitert an einem von SPD, USPD und KPD gemeinsam unterstützten Generalstreik.
Juli-August: Thälmann nimmt als Mitglied einer "Beobachter-Delegation" der USPD am II. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale ("Komintern") teil.
Oktober: Mit Thälmanns Unterstützung wird auf dem USPD-Parteitag in Halle der Anschluß an die Komintern beschlossen.
Dezember: Auf einem "Vereinigungsparteitag" schließt sich die Mehrheit der USPD-Mitglieder - darunter auch Thälmann - der KPD an. (Der Rest kehrt 1922 zur SPD zurück.)

1921
Januar: Thälmann wird zum Vorsitzenden der Ortsgruppe Hamburg der KPD gewählt.
Juni/Juli: Thälmann nimmt als Delegierter der KPD am III. Weltkongreß der Komintern in Moskau teil.

1923
Oktober: Unter Thälmanns Führung unternimmt die KPD einen bewaffneten Aufstand zur Errichtung einer "proletarischen Räterepublik" in Hamburg.
November: Der Aufstand wird von der Hamburger Polizei und aus ganz Deutschland herbei gerufenen Freikorps nieder geschlagen, die KPD für kurze Zeit verboten. (Sie operiert im Untergrund weiter.)

1924
Februar: Thälmann wird zum stellvertretenden Vorsitzenden der KPD gewählt und Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI).
März (nach anderen Quellen: Juli): Der "Rote Frontkämpferbund (RFB)" wird gegründet, eine para-militärische Schlägertruppe, die sich regelmäßig Straßenschlachten mit der Polizei, dem Stahlhelm der DNVP, dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold der SPD und den "Sturmabteilungen (SA)" der "Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP)" liefert.

[Der Rotfrontkämpferbund]

April-Mai: Im Reichstagswahlkampf propagiert die KPD auf ihren Plakaten - für die Käthe Kollwitz die Motive zur Verfügung stellt - in noch nicht dagewesener Schamlosigkeit den Mord an ungeborenen Kindern und appelliert dabei an die niedersten Beweggründe, vor allem an die Habgier. ("Wenn das zweite und dritte Kind kommt, beginnt das Elend.") Das durch den Kindesmord "eingesparte" Geld soll nach den Vorstellungen Thälmanns - und Kollwitz' - als "Hilfe" für Rußland gespendet werden, um den Aufbau der Sowjet-Macht zu finanzieren. Obwohl nach Überwindung der Hyperinflation, Aufhebung der alliierten Hungerblockade und Beendigung des Ruhrkampfes eine Zeit relativen wirtschaftlichen Wohlstands beginnt, wird Thälmann mit diesem Programm in den Reichstag gewählt.

[Nieder mit dem Abtreibungs-Paragraphen! Wahlplakat der KPDvon 1924]

1925
Februar: Thälmann wird Vorsitzender des RFB. Er wird als Kandidat der KPD für die Reichspräsidentenwahl aufgestellt.

[Wahlkampf]

März: Beim ersten Wahlgang erreicht keiner der sieben Kandidaten die erforderliche absolute Mehrheit.
April: Im zweiten Wahlgang siegt Paul v. Hindenburg mit 48,3% der Stimmen; Thälmann erhält nur 6,4% - die freilich entscheidend sind, da sie dem gemeinsamen Kandidaten von SPD und Zentrum in der Endabrechnung fehlen.³
November: Thälmann übernimmt mit Unterstützung des EKKI in Moskau und ausdrücklicher Billigung durch Josif W. Stalin den KPD-Vorsitz (offizieller Titel: "Vorsitzender des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschlands") von Ruth Fischer, geb. Eisler (1895-1961), die sich um eine von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) unabhängige Parteiführung bemüht hatte.
Unter Thälmann konzentriert sich die KPD vor allem auf die politische Bekämpfung der SPD, deren Mitglieder sie in Übereinstimmung mit Stalin als "Sozialfaschisten" bezeichnet. ("Der Kampf gegen den Faschismus ist in allererster Linie Kampf gegen die SPD!") Erst in zweiter Linie bekämpft Thälmann auch die NSDAP.

1926
Juli: Der von SPD und KPD mit großem Brimborium initiierte Volksentscheid zur entschädigungslosen Enteignung der Fürsten scheitert.


Dezember: Thälmann wird Mitglied des Präsidiums der Exekutive der Komintern.

1928
September: Thälmann wird wegen Beihilfe zur Unterschlagung von Parteigeldern (durch seinen Freund John Wittorf) als KPD-Vorsitzender abgesetzt.
Oktober: Auf Anweisung von Stalin wird Thälmann wieder eingesetzt und "rehabilitiert"; diejenigen, die ihn abgesetzt hatten - sowie 6.000 weitere "Versöhnler", die eine Wiederannäherung zur SPD befürworten - werden als "rechte Elemente" aus der KPD ausgeschlossen. (Zwei interessante Ausnahmen bilden Wilhelm Pieck und Clara Zetkin, die beide gegen Thälmanns Rehabilitierung gestimmt hatten.)

1931
Unter Thälmanns Vorsitz beantragt die KPD gemeinsam mit dem "Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten" einen Volksentscheid zur Auflösung des SPD-regierten Preußischen Landtags.
August: Der Volksentscheid scheitert, die preußische Regierung unter Otto Braun bleibt im Amt.

1932
Thälmann wird als Kandidat der KPD für die Reichspräsidentenwahl nominiert.

[Fighting for peace is like fucking for virginity]

März/April: Thälmann erhält im ersten Wahlgang nur knapp 5% der abgegebenen Stimmen, im zweiten Wahlgang gut 10%. Hindenburg siegt mit 53% vor Adolf Hitler, der 36,8% der Stimmen erhält.
August: Bei den Reichstagswahlen gewinnt die KPD nach der NSDAP die meisten Mandate. Sowohl Thälmann als auch Hitler hatten den hungernden Arbeitern Besserung ihrer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage versprochen.


Feinde der KPD: Soldaten, Priester, Zöllner, Polizisten, US-Amerikaner, Arbeitgeber - Feinde der NSDAP: Hunger und Armut

1933
Januar: Hitler wird Reichskanzler.
März: Thälmann wird im Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand vom 27. Februar verhaftet; ein Verfahren wegen Hochverrats wird eingeleitet.

1933-1944
Thälmann sitzt in verschiedenen Gefängnissen in Untersuchungshaft, zunächst in Moabit/Berlin (bis 1937).

1935
Hitler ordnet die Einstellung des Prozesses gegen Thälmann an. Die Untersuchungshaft wird aufgehoben und in Schutzhaft umgewandelt.

1937-1943
Thälmann sitzt im Gerichtsgefängnis Hannover ein.

1939
Nach Abschluß des Hitler-Stalin-Pakts bittet Thälmanns Ehefrau in der sowjetischen Botschaft um die Fürsprache Stalins für ihren Ehemann. Stalin verwendet sich jedoch nicht für Thälmann.4

1943-44
Thälmann sitzt in der Haftanstalt Bautzen ein.

1944
16. April: Thälmanns Tochter Irma wird verhaftet und in das Konzentrationslager Ravensbrück eingewiesen.
8. Mai: Thälmanns Ehefrau Rosa wird ebenfalls verhaftet und nach Ravensbrück gebracht.
17. August: Thälmann wird in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verlegt (das bis zur Übernahme durch die Sowjets 1945 kein Vernichtungs-, sondern ein Arbeitslager ist).

[Jedem das Seine - der Wahlspruch Buchenwalds]

24. August: Bei einem alliierten Terror-Bombardement auf Weimar und Umgebung werden im KZ Buchenwald mehrere tausend Menschen getötet. Darunter befindet sich nach amtlichen Feststellungen auch Ernst Thälmann.


(Dagegen versichern gewisse Kreise, daß Thälmann sechs Tage zuvor "von den Nazis erschossen" bzw. "vom Faschismus ermordet" worden sei. Da es sich um dieselben Kreise handelt, die auch versichern, daß die Massenmorde von Katyn von den Deutschen verübt wurden, daß die alliierten Bomben auf Buchenwald lediglich "aus Versehen fielen", daß das KZ Buchenwald bis 1945 ein Vernichtungslager war - und nach der Übernahme durch die Sowjets ein Sanatorium wurde - und daß allein in Auschwitz vier bis acht Millionen Juden vergast wurden, muß das wohl stimmen.5)

* * * * *

1948
In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) erfolgt die Neugründung des "Jungvolks" unter dem Namen "Pionierorganisation Ernst Thälmann". Die Mitglieder grüßen einander mit dem Thälmann-Gruß "Seid bereit - immer bereit".


ab 1949
Nach Gründung der "Deutschen Demokratischen Republik" [DDR] wird Thälmann zur Ikone des kommunistischen Widerstands gegen den National-Sozialismus hoch stilisiert.

1953-55
Die lobhudelnden DEFA-Filme "Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse" und "Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse" werden gedreht.


Thälmann wird auf Denkmälern und Zahlungsmitteln gewürdigt.




Käthe Kollwitz, die Anstifterin zum Kindesmord, wird nicht nur in der DDR, sondern auch in der BRD und später in der BRDDR, als "sozial engagierte Künstlerin", ja als "Helfer der Menschheit", verehrt und amtlich gewürdigt.


2004
René Börrnert veröffentlicht "Wie Ernst Thälmann treu und kühn!"

[Buch] [Buch]

2011
Armin Fuhrer veröffentlicht "Ernst Thälmann. Soldat des Proletariats".6


1In der Literatur wird oft behauptet, der Streik sei "wegen schlechter Bezahlung" ausgebrochen. Das kann man nur als Witz bezeichnen: Die Hamburger Hafenarbeiter zählten zu den bestbezahlten Europas, wahrscheinlich der Welt: Selbst Tagelöhner erhielten 3-4 Goldmark pro Tag, also 18-24 Mark pro Woche. (Thälmann erhielt später als "fester" Kutscher 30 Mark pro Woche.) [Zum Vergleich: Als Dikigoros' Großvater 1919 - die Kaufkraft der Mark war bereits erheblich gesunken - nach Hamburg kam, verdiente er als "fester" Fabrikarbeiter 15 Mark pro Woche, ebenso nach der Währungsreform von 1923; davon mußte er Frau und Kind ernähren, da Dikigoros' Großmutter - die als Frau noch weniger verdient hatte - nach der Heirat Hausfrau und Mutter wurde, d.h. die Erwerbsarbeit (die sie ohnehin nur wegen des kriegsbedingten Mangels an männlichen Arbeitskräften aufgenommen hatte) aufgab, wie das damals noch üblich war.] Streiks brechen nicht aus, wenn die Arbeiter an Armut und Hunger leiden, sondern wenn es ihnen (zu) gut geht und die Streikkassen daher prall gefüllt sind.

²Auch dieser Streik war kein Streik der Armen, sondern vielmehr der Privilegierten: Die Rüstungsarbeiter waren als "unabkömmlich" vom Wehrdienst frei gestellt. Indem man 50.000 der Streikenden einfach einzog und sie durch weibliche Arbeitskräfte ersetzte, machte man dem Spuk schlagartig ein Ende.

³Allzu groß kann Thälmanns Haß auf Hindenburg - den Ruth Fischer 1948 in "Stalin und der deutsche Kommunismus" so betont heraus stellte - nicht gewesen sein, wenn er nicht bereit war, seine eigene Kandidatur - von der er genau wußte, daß sie letztlich aussichtslos war - zurück zu ziehen, um die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten zu verhindern.

4Über die Gründe kann man trefflich spekulieren. Von Thälmanns Intimfeinden war Zetkin 1933 gestorben, und Pieck saß weit vom Schuß in Paris. Er muß jedoch noch mehr innerparteiliche Gegner gehabt haben: Ulbricht wirkte seit 1938 als Vertreter des ZK der KPD beim IKKI in Moskau und dürfte an einer Befreiung seines Konkurrenten kaum Interesse gehabt haben, auch wenn er sich in der Wittorf-Affäre 1928 noch demonstrativ auf dessen Seite gestellt hatte. Die beiden konnten sich wahrscheinlich nicht einmal sprachlich verständigen, denn Ulbricht sprach Sächsisch, während Thälmann als Arbeiter echtes Pladdüütsch sprach - nicht etwa "Missingsch", wie die Hamburger Bildungs-Bürger; außerhalb Norddeutschlands mußten seine Reden übersetzt werden. Möglich, daß Ulbricht Stalin dahingehend beeinflußte, Thälmann seinem Schicksal zu überlassen. Die von der Feindpropaganda verbreitete Annahme, Thaelmann und Hitler seien nunmehr "Bundesgenossen" geworden, war jedenfalls völlig abwegig.

[Thälmann und Hitler als Bundesgenossen (Karikatur von 1939)]

5Es gibt eine bemerkenswerte Parallele zwischen den Nachkriegs-Biografien des Politikers Thälmanns und des - ebenfalls kommunistischen - Schauspielers Chaplin: Während niemand bestreitet, daß sowohl Chaplins Mutter als auch sein Halbbruder als auch sein Sohn Juden waren, wird allein seine eigene jüdische Abstammung bestritten - und zwar in seltener Einhelligkeit. Während niemand bestreitet, daß andere politische Häftlinge - z.B. der SPD-Politiker Rudolf Breitscheid - durch den alliierten Bombenangriff auf Buchenwald vom 24.08.1944 getötet wurden, wird allein Thälmanns Tod bei dieser Gelegenheit bestritten. Statt dessen wird kolportiert, daß Himmler persönlich bei Hitler vorgesprochen habe, um die Erlaubnis zur vorherigen Exekutierung Thälmanns einzuholen. Als "Beweis" gilt die Aussage eines Polen im Dachau-Prozeß (!) von 1947, der behauptete, nicht in Dachau, sondern in Buchenwald inhaftiert gewesen zu sein und dort gehört zu haben, wie ein SS-Wachmann zu einem anderen SS-Wachmann gesagt habe, daß Thälmann im Krematorium erschossen worden sei. Die Theorie, daß die Nazis Thälmann eigens nach Buchenwald verlegten, um ihn dort zu töten und die Verantwortung dann den Alliierten zuzuschieben, hält Dikigoros für abwegig. Grund der Verlegung war vielmehr der kurz zuvor unternommene Versuch einer kommunistischen Untergrundgruppe, Thälmann aus Bautzen zu befreien - in Buchenwald glaubte man davor "sicher" zu sein. Hätte man Thälmann töten wollen, hätte man den Befreiungsversuch - von dem man wußte, da er von einem Mitwisser zuvor verraten wurde, weshalb er auch scheiterte - zum Schein gelingen lassen und Thälmann mitsamt seinen Befreiern auf der Flucht erschießen können. Außerdem konnte niemand den Bombenangriff auf Buchenwald voraus sehen.

6Wenn man den Verlagen glauben darf, dann wurden durch diese beiden Bücher ganze Bibliotheken von Thälmann-Biografien zur Makulatur. Dikigoros legt Wert auf die Feststellung, daß das für diese seine Webseite nicht gilt, da er sich auf nachprüfbare Fakten beschränkt. Eine Ausnahme bildet die Kinder- und Jugendzeit, die naturgemäß schlecht belegt ist. In diesem Punkt vermögen ihn Börrnert und Fuhrmann - die aus dem "armen Arbeitersohn" einen mißratenen "Sproß der Bourgeoisie" machen wollen - jedoch nicht zu überzeugen. Für ihre These spricht dreierlei:
- Kommunistische Hagiografen tendieren stets dazu, ihren "Helden" eine "proletarische" Abstammung zuzuschreiben, auch wenn eine solche gar nicht vorliegt.
- Wiewohl er auf buchstäblich jeder Arbeitsstelle schnell aneckt und gekündigt wird, werden ihm immer wieder neue Jobs zugeschanzt.
- Er wird im Frieden vorzeitig vom Militärdienst befreit (statt, wie das sonst bei aufmüpfigen Elementen geschah, den Rest seiner Dienstzeit in "Café Viereck" zu verbringen) und erhält im Krieg einen Druckposten.
Aber keines dieser Argumente ist zwingend:
- Auch Arbeiterkinder können kommunistische Rädelsführer werden, wenngleich das nicht die Regel sein mag.
- Thälmanns Jobs waren keineswegs so attraktiv, wie man sie bei "Protektion" durch "bourgeoise" Kreise hätte erwarten können. Vor 1918 herrschte Vollbeschäftigung; einen neuen Job zu finden war damals nicht gar so schwer.
- Auch der Wehrdienst war bis mindestens 1914 als "Ehrendienst am Vaterland" durchaus begehrt. Wer partout nicht wollte, bekam einen Fußtritt nach dem Motto: "Weg mit Schaden!" Im übrigen war es noch zu Dikigoros Jugendzeiten ganz leicht, sich zu drücken. Bei der Musterung wurde man nämlich gefragt: "Sie sind doch nicht etwa schwul?" Wer diese Frage mit "doch" beantwortete, wurde sofort (ohne weitere Prüfung :-) als "unbrauchbar" nach Hause geschickt. Aber damals hätte diese Frage niemand anders als mit "nein, natürlich nicht!" beantwortet, selbst wenn dies nicht der Wahrheit entsprochen hätte; denn jeder anständige junge Mann hätte sich zu Tode geschämt, für sein Lebtag als "Schwuchtel" abgestempelt zu sein. Während damals von manchen Jahrgängen über 50% aus vorgeblichen "Gewissensgründen" verweigerten und damit notfalls sogar vor Gericht zogen, machte der Anteil der wegen homosexueller Neigungen ausgemusterten nicht mal 1 Promille aus. Noch 1984 wurde ein Bundeswehr-General und NATO-Kommandeur auf das bloße Gerücht hin, er sei schwul, von Bundeskanzler Kohl geschaßt mit einem warmen Händedruck allen Ehren - incl. des Bonhalla-Kriechkreuzes in Blech - in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, nachdem das rote Wochenblatt Der Spiegel diesbezügliche "Beweismittel" (die, wie sich später heraus stellte, aus den Fälscherwerkstätten der Stasi stammten) genüßlich breit getreten hatte. Der noch zögernde Verteidigungsminister wurde mit dem zweideutigen Satz - der damals in aller Munde war - "Wörner hält Kießling noch immer die Stange" demontiert und schließlich von Birne vom Kanzler "overruled". Anders als 45 Jahre zuvor General Fritsch wurde Kießling nie rehabilitiert. (So ändern sich die Zeiten: Wer sich heute als bekennender Schwuler - oder als bekennende Lesbe - bei der Bundeswehr bewirbt, wird bevorzugt eingestellt und befördert - "affirmative action" auf BRDDRisch :-)


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