ERNST  WEIZSÄCKER

[seit 1916: von Weizsäcker]

(1882 - 1951)

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1882
25. Mai: Ernst Weizsäcker wird als Sohn des württembergischen Amtsrichters Karl Hugo Weizsäcker und dessen Ehefrau Paula (geb. v. Meibom) in Stuttgart geboren.
(Beide Elternteile sind christlich getauft, aber reinblütige Juden.*)

1900
1. April: Weizsäcker wird Seekadett bei der Kaiserlichen Marine in Kiel.

1901-02
Weizsäcker besucht die Marineoffiziersschule in Kiel.

1902-1905
Stationierung auf dem Großen Kreuzer "Hertha" in Ostasien.
Weizsäcker wird Ausbilder von Prinz Adalbert, dem dritten Sohn von Kaiser Wilhelm II.

1905-1912
Erneute Stationierung in Kiel.

1911
25. September: Weizsäcker heiratet Marianne von Graevenitz. Aus der Ehe gehen 4 Kinder (u.a. Sohn Richard) hervor.

1912
Weizsäcker wird zum kaiserlichen Marinekabinett in Berlin versetzt.

1914-1918
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs läßt sich Weizsäcker zur Flotte versetzen. Seine anfängliche Euphorie weicht der Erkenntnis, daß die deutsche Flotte der englischen nicht gewachsen ist.

1916
Der Vater, inzwischen württembergischer Ministerpräsident, wird vom württembergischen König Wilhelm II. in den erblichen Freiherrenstand erhoben.

1917
Weizsäcker erhält das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse.

1918
Weizsäcker wird Verbindungsoffizier der Marineleitung bei Generalstabschef Paul v. Hindenburg.

1918-1920
Weizsäcker arbeitet nach der "Novemberrevolution" im Reichsmarineamt in Berlin. Trotz Skepsis gegenüber der neuen "demokratischen" Verfassungsordnung (Weizsäcker befürwortet persönlich weiterhin das monarchische Prinzip und spricht sich im Flaggenstreit gegen "Schwarz-Rot-Mostrich" aus) zieht er diese doch einem bolschewistischen System vor, wie es die Führer der USPD und des Spartacusbundes, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, mit Gewalt herbei führen wollen. Daher deckt Weizsäcker nach deren Beseitigung einen der Attentäter.

1919
Weizsäcker wird Marineattaché in Den Haag. In dieser Funktion verhindert er die Auslieferung zahlreicher in die Niederlande geflohener U-Boot-Kommandanten an das deutsche Reichsgericht, vor dem sie auf Betreiben der Entente-Mächte als "Kriegsverbrecher" angeklagt werden sollen.
Den Versailler Vertrag lehnt Weizsäcker vor allem wegen des "Kriegsschuldparagrafen" ab.

1920-1924
Weizsäcker wird Beamter im Auswärtigen Dienst (seit 1921 als Konsul in Basel).

1924
Weizsäcker wird als Gesandtschaftsrat nach Kopenhagen versetzt (bis 1927).
Beruflich sieht sich Weizsäcker - wie damals jeder anständige Beamte - der Nation, nicht einer bestimmten Staatsform oder Regierung verpflichtet; daher tritt er zunächst auch keiner Partei bei, obwohl dies seiner Karriere förderlich wäre.

1927
Weizsäcker leitet das Sachgebiet Abrüstung in der Berliner Zentrale.

1928-1931
Weizsäcker leitet das Völkerbundreferat.

1931
Weizsäcker wird Gesandter in Norwegen.

1933
30. Januar: Weizsäcker bleibt auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Amt, angeblich unter inneren Vorbehalt seines "Gewissens", solange ihm dieses erlaube, Befehle des neuen Reichskanzlers Adolf Hitler auszuführen. Angeblich befürchtet er schon damals wegen "antisemitischer Ausschreitungen und Hitlers aggressiver Außenpolitik" um den Frieden, wiewohl es damals noch nichts von allem gab - geschweige denn deutsche Streitkräfte, mit denen sich ein Krieg hätte führen lassen. Angeblich unterstützte Weizsäcker das System lediglich, "um einen mäßigenden Einfluß auszuüben". Die nationalsozialistische Dimension der Begriffe Antisemitismus, Revision und Hegemonie habe er leider "mißverstanden".

1933-36
Weizsäcker lebt als deutscher Gesandter in der Schweiz. Angeblich bemüht er sich als solcher u.a. um die Freilassung eines von der "Geheimen Staatspolizei (Gestapo)" in der Schweiz gekidnappten Juden und wird wiederholt von in der Schweiz lebenden Nationalsozialisten "denunziert". (Wenn dem so war, hatte es jedenfalls keine Konsequenzen.) Seine "antifaschistische Gesinnung" stellt er dadurch unter Beweis, daß er nichtssagende Briefe nach Hause schreibt, von denen er später behauptet, sie hätten einen "Geheimcode" für "regimekritische Gedanken" enthalten.


1935
Nach den "Nürnberger Gesetzen" - die ausschließlich auf Religionszugehörigkeit, nicht auf Rasse abstellen - ist Weizsäcker Vollarier, da er 4 getaufte Großeltern nachweisen kann.

1936
Weizsäcker wird kommissarischer Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amts in Berlin. Er plädiert für eine "defensive Sicherung des Reiches" durch Aufrüstung und für die Wiederherstellung der Grenzen von 1914. (Weizsäcker geht also weit über die Forderungen anderer führender Nationalsozialisten hinaus, die keine Ansprüche auf Elsaß-Lothringen, Eupen-Malmedy, Nordschleswig, Posen oder Oberschlesien geltend machen.) Gleichwohl behauptet er später, er hätte "innerlich" mit dem "Nazi-Regime" gebrochen, als es zur Besetzung des Rheinlands schritt, aber noch weiter an den Frieden geglaubt.

1937
Mai: Weizsäcker wird Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amts.

1938
Im Zusammenhang mit der "Fritsch-Blomberg-Affäre" wird Außenminister Konstantin von Neurath durch Joachim v. Ribbentrop ersetzt. Weizsäcker wird Staatssekretär des Auswärtigen Amts und damit dessen höchster Beamter. Wiewohl er Ribbentrop formell untersteht, bestimmt Weizsäcker de facto zunehmend die Außenpolitik des Dritten Reiches; sowohl die Vorbereitung als auch die Durchführung des Krieges auf diplomatischer Ebene erweisen sich - wie schon vor und nach 1914 - als stümperhaft.
April: Weizsäcker tritt in die NSDAP und in die SS ein. In letzterer erhält den Rang eines SS-Oberführers (vergleichbar einem heutigen Brigadegeneral).
Weizsäcker leidet an massiver Gedächtsnisschwäche, behauptet später, Ribbentrop habe ihn "übergangen" und ihm "Informationen vorenthalten". Auch habe er seinen Rücktritt erwogen und sei lediglich im Amt geblieben, weil ihn "Freunde aus Widerstandskreisen" inständig darum baten. Ferner habe er versucht, "über ausländische Botschafter auf Hitler einzuwirken und dessen Kriegspläne zu verhindern". Gleichzeitig habe er seine Verbindungen genutzt, "um geheime Nachrichten nach Großbritannien zu schleusen" - also Hochverrat zu begehen -, "um den Frieden zu retten".

Hitler - 4 Pubärsche - v. Ribbentrop - Ernst v. Weizsäcker
(im August 1939 nach Abschluß des Nichtangriffspakts
zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion)

1939
3. September: Nach Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes und Beginn des Polenfeldzugs (in dem Weizsäckers Sohn Heinrich fällt) erklären Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg (nicht aber der Sowjetunion, als auch die Rote Armee in Polen einrückt), der sich bald zum Weltkrieg ausweitet.
Weizsäcker versucht vergeblich, ein Marinekommando zu erhalten.
Weizsäcker, der - wie so viele seiner Volksgenossen - auf die Anfangserfolge der Wehrmacht stolz ist und den Krieg befürwortet, solange er siegreich verläuft, aber schon immer dagegen gewesen sein will, wenn sich Niederlagen abzeichnen, nimmt höchstvorsorglich Kontakt zu Wilhelm Canaris, Ludwig Beck und Franz Halder auf, die den Sturz Hitlers planen.

1940
Weizsäcker sabotiert nach Kräften eine von Ribbentrop geplante Umstrukturierung des verknöcherten und unfähigen Auswärtigen Amtes.

1941
Weizsäckers Versuche, auf diplomatischem Weg den Rußlandfeldzug überflüssig zu machen, scheitern. Nach anfänglicher Ablehnung wandelt sich Weizsäcker angesichts der ersten Erfolge der Wehrmacht gegen die Rote Armee erneut zum begeisterter Befürworter des Krieges; er ist auch Mitwisser der Judenvernichtung in den besetzten Gebieten Polens und der UdSSR.

1942
Obwohl sich Weizsäcker - wie so viele "Widerständler" - der Illusion hingibt, die Alliierten würden nach einem Sturz Hitlers mit einem "demokratischen" Deutschland Frieden schließen (womöglich in seinem gegenwärtigen Umfang als "Großdeutsches Reich"), distanziert er sich von dem Plan, einen gewaltsamen Putsch zu versuchen.
20. Januar: Weizsäcker nimmt nicht an der Wannsee-Konferenz teil und äußert sich auch nicht zu deren Ergebnissen ("Endlösung" der Judenfrage).
Angeblich hilft Weizsäcker privat Juden vor der Verfolgung. Amtlich unterzeichnet er jedoch Deportationsbefehle in das Konzentrationslager Auschwitz.

1943
Nachdem sich die Wende des Krieges abzeichnet und die alliierten Bombenangriffe auf Berlin, insbesondere auf das Regierungsviertel, stark zugenommen haben, beantragt Weizsäcker seine Versetzung in den sicheren Vatikan; dem Antrag wird stattgegeben.
Nach dem Sturz Mussolinis, dem Verrat der neuen italienischen Regierung und der darauf folgenden Besetzung Italiens durch deutsche Truppen vermittelt Weizsäcker zwischen Vatikan und NS-Regime. Er warnt die Juden Roms vor einer angeblich bevorstehenden Deportation und versteckt sie in Klöstern und katholischen Pfarreien.

1944
4. Juni: Nachdem deutsche Truppen Rom zur offenen Stadt erklärt haben, weil die Alliierten es sonst mitsamt seinen historischen Kunstschätzen ebenso zu zerstören drohten wie die alte Benediktiner-Abtei auf dem Monte Cassino und so viele andere Kulturstätten Europas, wird die "ewige Stadt" von alliierten Truppen kampflos besetzt. Weizsäcker findet Unterschlupf im Vatikan.

1945
Nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches und dessen Auflösung durch die alliierten Besatzer bleibt Weizsäcker zunächst als "Gast" im Vatikan, da ihm in Italien und Deutschland die Internierung droht.

1946
August: Weizsäcker erhält freies Geleit zugesagt, um vor dem inter-alliierten Militär-Tribunal [IMT] in Nürnberg als Belastungszeuge gegen Ribbentrop auszusagen und kehrt nach Lindau am Bodensee zurück.

1947
Weizsäcker sagt in Nürnberg gegen Ribbentrop aus.
Juli: Weizsäcker wird unter Bruch des Freien Geleits festgenommen und nun selber wegen Vorbereitung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Das Verfahren zieht sich fast zwei Jahre hin.

1949
April: Weizsäcker wird für schuldig befunden, aber nur zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, während sein ehemaliger Chef Ribbentrop zum Tode durch den Strang verurteilt und hingerichtet worden ist.

1950
Weizsäcker veröffentlicht seine "Erinnerungen".
Oktober: Weizsäcker wird auf Anordnung des amerikanischen Hochkommissars für Deutschland John McCloy im Zuge einer allgemeinen Amnestie aus dem Kriegsverbrechergefängnis entlassen.

1951
4. August: Ernst v. Weizsäcker stirbt nach einem Schlaganfall in Lindau.


*Dikigoros verdankt diesen Hinweis dem renommierten jüdischen Linguisten und Namensforscher Alexander Beider, der so viele seiner vermeintlichen Kenntnisse über jüdische Namen zur Makulatur gemacht hat. Die Weizsäckers waren "Kornjuden", die aus Galizien nach Württemberg gekommen waren und dort ihren gesellschaftlichen Aufstieg geschafft hatten.

Entgegen weit verbreiteten - vor allem durch den Roman "Jud Süß" von Lion Feuchtwanger und dessen Verfilmung im "Dritten Reich" - Vorurteilen war es keineswegs so, daß nach dem Skandal um den "Hofjuden" Joseph Süßkind Oppenheimer und dessen Hinrichtung 1738 die Juden "für alle Zeiten" aus Württemberg verbannt worden wären. Vielmehr wurde z.B. die - nur ein Jahr später geborene - Jüdin Chaile Raphael (Falschname "Karoline Kaulla") "Hoffaktorin" von Württemberg, Gründerin und erste Direktorin der Württembergischen Landesbank Hofbank. Als solche scheffelte sie Millionen und bereicherte sich auf derart schamlose geschickte Art und Weise, daß sie bald als die reichste Frau Deutschlands galt. Belangt wurde sie dafür nie.


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