JOZEF  TISO

(1887 - 1947)

[Jozef Tiso]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1887
13. Oktober: Jozef Tiso wird als zweites von sieben Kindern des Fleischhauers Gáspar Tiso und seiner Ehefrau Terezia, geb. Budišek, in Groß-Bitsch [ungarisch "Nagybiccse", slowakisch "Velká Bytča"] (Österreich-Ungarn) geboren. Die Tisos sind katholisch, wie die meisten Slowaken, womit sie innerhalb Ungarns - zu dem die Slowakei politisch gehört - allerdings einer Minderheit angehören.

1893-99
Tiso besucht die katholische Elemantarschule in Groß-Bitsch.

1899-1906
Tiso besucht zunächst das katholische Gymnasium in Sillein [Žilina], dann das piaristische Seminar (eine Anstalt für angehende Priester) in Neutra [Nitra].
Die Magyarisierung-Politik - Unterrichtssprache ist ausschließlich Ungarisch - weckt seinen inneren Widerstand und macht ihn zum slowakischen Nationalisten.

1906
Tiso beginnt am Pazmaneum in Wien ein Studium der Theologie. (Zu seinen akademischen Lehrern zählt u.a. Ignaz Seipel.)

1910
Tiso wird zum Priester geweiht.

1911
Tiso wird zum Dr. theol. promoviert.

1913
Tiso wird Kaplan in Banowitz (ungarisch "Bán", slowakisch "Bánovce").


B. galt als Hochburg des slowakischen Nationalismus. In einem Vorort - Uhrovec - wurde der Deutsch-Slowake Ludwig Stur ("L'udovít Štúr") geboren, Ober-Revoluzzer von 1848, radikaler Pan-Slawist und Erfinder der slowakischen Schriftsprache.

1914-1918
Im Ersten Weltkrieg dient Tiso als Feldgeistlicher ("Feldkurat").

1918
14. November: In Prag bildet sich eine "National-Versammlung", die den in den USA weilenden Deutsch-Slowaken Tomas Garrigue Masaryk - der sich als Tscheche fühlt und verkündet hat, daß Slowaken "auch Tschechen" seien - in absentia zum "Präsidenten" der "Tschecho-Slowakei" ausruft. (Die Slowaken hat - entgegen dem insbesondere von den USA lautstark propagierten "Selbstbestimmungsrecht der Völker" - niemand zuvor gefragt, ob sie mit den Tschechen zusammen einen Staat bilden wollen; eine Volksabstimmung wird ihnen verweigert.)

1919
September: Im DiktatVertrag von St. Germain wird Österreich-Ungarn zerschlagen. Während die Deutsch-Österreicher und Ungarn auf kleine, kaum überlebensfähige Rumpfstaaten zurück geworfen werden, werden die kleineren Völker - so auch die Slowaken, die keinen Vertreter zu den "Friedens-Verhandlungen" entsenden durften* - der brutalen Unterdrückung durch Tschechen, Polen, Walachen ["Rumänen"] und Serben ausgeliefert. Von den 13,5 Mio Einwohnern der "Tschecho-Slowakei" sind nicht einmal die Hälfte Tschechen.


Tiso tritt der Slowakischen Volkspartei von Andrej Hlinka bei.

1920
Februar: Nach Verabschiedung einer neuen, zentralstaatlichen Verfassung wird Masaryk - diesmal in Anwesenheit - erneut zum Präsidenten gewählt; als Deutsch-Slowake fühlt er sich bemüßigt, den 150%igen Tschechen zu spielen. Er enteignet den deutschen und ungarischen Grundbesitz.

1924
Tiso wird Pfarrer in Banowitz.

1925
Tiso wird für die SVP ins Parlament gewählt. (Sein Pfarramt behält er jedoch und übt es auch weiterhin - bis 1945 - aus.)


Innerhalb der SVP-Fraktion zählt Tiso zum gemäßigt-konservativen Flügel.


1927
Tiso wird Minister für Sport und Volksgesundheit (bis 1929).

1930
Tiso wird stellvertretender Vorsitzender der SVP. Er veröffentlicht die Programmschrift "Die Ideologie der Slowakischen Volkspartei" und mausert sich damit zum Partei-Ideologen.

1935
Nach dem altersbedingten Rücktritt Masaryks gewinnt Tiso in einer verhängnisvollen Fehleinschätzung die entscheidenden Stimmen der SVP für die Wahl des bisherigen Außenministers Edvard Beneš, einem der übelsten Politverbrecher des 20. Jahrhunderts, zum neuen Präsidenten der "Tschecho-Slowakei". Tiso glaubt - angeblich aufgrund mündlicher Zusagen -, daß dieser den Slowaken kulturelle Autonomie gewähren werde. Tatsächlich nimmt unter Beneš die Unterdrückung der Minderheiten unerträgliche Ausmaße an.

1938
August: Nach dem Tode Hlinkas wird Tiso kommissarischer Vorsitzender der SVP. (Seine offizielle Wahl zum Vorsitzenden erfolgt erst ein Jahr später.)
September: Mit dem "Münchner Abkommen" erhalten die Sudeten-Deutschen ihre Freiheit zurück; die Slowaken und Ruthenen ("Karpato-Ukraïner") erhalten eine Teil-Autonomie innerhalb der nunmehr föderativen Tschecho-Slowakei.
Oktober: Tiso wird Ministerpräsident der teil-autonomen Slowakei.
November: Durch den "[1.] Wiener Schiedsspruch" erhalten - Analog zum "Münchner Abkommen" - auch die polnischen und ungarischen Minderheiten der "Tschecho-Slowakei", sofern sie Grenzregionen zu ihren Mutterländern bewohnen, ihre Freiheit zurück.
(Während das "Münchner Abkommen" ausschließlich Randgebiete der Tschechei betraf, betrifft der "Wiener Schiedsspruch" ausschließlich Randgebiete der Slowakei.)
November-Dezember: Alle anderen politischen Parteien in der Slowakei schließen sich der SVP an, die fortan auch als "Slowakische Nationale Einheitspartei" firmiert.

1939
07. März: Tiso empfängt den ehemaligen Bundeskanzler der "Republik Österreich" und nunmehrigen Reichsstatthalter der "Ostmark", Arthur Seyß-Inquart, zum Quasi-Staatsbesuch. Dieser bietet Unterstützung an, falls die Slowakei ihre vollständige Unabhängigkeit erklären sollte.**
09./10. März: Tschechische Truppen rücken in die Slowakei ein, verhaften führende Mitglieder der Slowakischen Volkspartei und erklären Tiso für abgesetzt; er flieht nach Berlin.
14. März: Tiso kehrt in die Slowakei zurück und erklärt deren vollständige Unabhängigkeit von der "Rest-Tschechei".
(Die alten deutschen Länder Böhmen und Mähren schließen sich daraufhin wieder dem Deutschen Reich an.)
20. März: Ungarische Truppen marschieren - unter Verletzung des "Wiener Schiedsspruchs" - in die Slowakei ein. Tiso schließt daraufhin einen "Schutzvertrag" mit dem Deutschen Reich.**
April: Die ungarischen Truppen ziehen sich unter diplomatischem Druck des Reichs zurück - die Slowakei ist frei.


September/Oktober: Slowakische Truppen beteiligen sich am Polenfeldzug; die 1938 an Polen abgetretenen Grenzgebiete fallen an die Slowakei zurück.
26. Oktober: Tiso wird zum Staatspräsidenten der Slowakei gewählt.

1941
ab Juni: Tiso läßt slowakische Truppen am Rußlandfeldzug teilnehmen, den er als Kreuzzug des christlichen Abendlandes gegen den gottlosen Bolschewismus versteht.


Die slowakische Kriegsbegeisterung hält sich jedoch in engen Grenzen; die Truppen bewähren sich überwiegend nicht.

1942
seit Oktober: Tiso entmachtet den unpopulären (da deutschfreundlichen) Ministerpräsidenten Vojtech Tuka und errichtet eine Präsidial-Diktatur. Er nennt sich fortan "Führer und Präsident" und beginnt, die (der deutschen SA vergleichbare) "Hlinka-Garde" zu zerschlagen.

1943
Nach der Niederlage bei Stalingrad laufen immer mehr slowakische Soldaten zur Roten Armee über - erst einzeln, dann kompanie-, schließlich regimentsweise. Die Reste werden als unzuverlässig nach Hause geschickt, wo sie propagandistische Wühlarbeit gegen Tiso und dessen Verbündete leisten. Die "Intelligentia" demonstriert in PreßburgBratislava offen gegen sein Regime; die - illegale - Kommunistische Partei erstarkt.

1944
März: Am 5. Jahrestag der Staatsgründung geht es der Slowakei glänzend: Von allen Ländern Mitteleuropas ist sie - neben dem Protektorat Böhmen und Mähren - am wenigsten vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen; die Versorgung mit Nahrungs- und Genußmitteln ist auch ohne Lebensmittelkarten gewährleistet, es herrscht Vollbeschäftigung, und selbst die Währung ist stabil.


August: Dennoch proben - unter dem Eindruck der militärischen Niederlagen der Wehrmacht in der Normandie und an der Ostfront sowie des Abfalls Rumäniens von der "Achse" - sowjetfreundliche Kräfte den Aufstand. Die meisten Einheiten werden - ähnlich wie ein Jahr zuvor beim Abfall Italiens - von schwachen deutschen Kräften entwaffnet und nach Hause geschickt. (Sie kämpfen jedoch vielfach als Partisanen weiter.)
Oktober: Der Aufstand bricht zusammen. Tiso nimmt an einem Dankgottesdienst in Banska Bystrica teil - was ihm später als "Verrat" ausgelegt wird.

1945
Januar-Mai: Die Rote Armee erobert die Slowakei, deren Unabhängigkeit nur sechs Jahre Bestand hatte.

[Briefmarke zum 5. Jahrestag der slowakischen Unabhängigkeit]

Tiso flieht in den Westen. Die Deutschen und Ungarn in der wiedervereinigten "Tschecho-Slowakei" werden auf Befehl von Beneš, der inzwischen wieder die Macht ergriffen hat, ausgerottet - wer nicht rechtzeitig fliehen kann, wird ermordet.

1946
August: Tiso wird von den US-Amerikanern an die "Tschecho-Slowakei" ausgeliefert, wo im
Dezember ein Prozeß wegen Hochverrats gegen ihn beginnt.

1947
März: Tiso wird zum Tode verurteilt.
18. April: Tiso wird gehenkt. Da die wetterwendischen Slowaken inzwischen schon wieder Demonstrationen für ihn abhalten***, wird seine Leiche heimlich in BrünnBrno verbrannt und seine Asche in alle Winde zerstreut. (Offiziell wird er in PreßburgBratislava beerdigt - der Sarg ist jedoch leer.)

1948
Februar: Beneš wird durch einen kommunistischen Staatsstreich gestürzt.
Unter Klement Gottwald wird die "Tschecho-Slowakische Sozialistische Republik [ČSSR]" ein Satellit der Sowjet-Union und Väterchen Stalins.


* * * * *

1992
Tschechen und Slowaken wählen mit überwältigender Mehrheit Parteien, die für eine Auflösung der "Tschecho-Slowakei" eintreten.

1993
01. Januar: Die Slowakei wird unter Vladimir Mečiar erneut unabhängig.
Hlinka wird rehabilitiert (und erneut zum National-Helden aufgebaut), Tiso nicht.****

[1.000-Kronen-Schein der Slowakei mit Hlinkas Konterfei]

2004
01. Mai: Die Slowakei tritt der EU bei und gibt damit ihre gerade erst zurück gewonnene Selbständigkeit weitgehend wieder auf.

2006
Die Tiso-Biografie von Milan Djurica - Professor für Theologie an der Universität von PreßburgBratislava - erscheint und ruft vor allem in den jüdischen Medien - die Tiso allein nach seiner (angeblichen) Beteiligung am "Holocaust" bewertet wissen wollen***** - einen Sturm im Wasserglas der Empörung hervor, da er erstmals seit 1945 sachlich beurteilt wird.

2009
01. Januar: Die Slowakei tritt der Euro-Zone bei und gibt damit auch ihre Währungshoheit auf. Anders als 1944 herrscht aber kein Wohlstand und keine Vollbeschäftigung, sondern eine schwere Wirtschaftskrise, die durch diesen Schritt noch verschärft wird.

[Das schwindsüchtige Euro-Männchen auf einer slowakischen Gedenkmünze 2009] [Konstantin und Metod auf einer slowakischen Gedenkmünze 2013]
Die personifiziertemonetarisierte Schwindsucht:
der Euro (im Volksmund auch "Teuro" genannt)

Binnen weniger Jahre ist die Slowakei ruiniert und um 1150 Jahre auf den Stand von anno 863 zurück geworfen - selbst die beiden Nationalheiligen Konštantin und Metod auf der diesbezüglichen Gedenkmünze zu 2 Euro ziehen eine bedröppelte Miene.

*Ihrem Führer Andrej Hlinka wurde von Frankreich die Einreise verweigert. Tatsächlich hatte nie jemand die Absicht, kleineren Völkern die staatliche Unabhängigkeit um der Unabhängigkeit Willen zu gewähren - dies diente lediglich zu deren Aufstachelung gegen ihre vermeintlichen "Unterdrücker" auf der Feindseite. Die Minderheitsvölker der Siegermächte Großbritannien und Frankreich - aber auch Spaniens - blieben weiterhin unterdrückt. Das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" wurde denn auch nie in der Satzung der Verbrecher-Organisationfriedliebenden Gemeinschaft "Völkerbund" verankert; darin wurde vielmehr die Unverletzlichkeit der Grenzen aller "souveränen" Völkerkerker Staaten festgeschrieben, was unendliches Leid über die Betroffenen brachte. Allein den Iren gelang es unter Eamón de Valera, wenigstens einen Teil ihrer Insel von England zu lösen; der Versuch der Basken und Katalanen, sich von Kastilien zu trennen, scheiterte im Spanischen Bürgerkrieg an Franco.

**Das deutsche Verhalten ist schwer nachvollziehbar - man muß es wohl in eine Reihe mit anderen Ungereimtheiten in der Außenpolitik des "Dritten Reichs" stellen, wie dem Bündnis mit dem unberechenbaren Italien Mussolinis, dem untauglichen Versuch, Großbritannien als strategischen Bündnispartner zu gewinnen, und der Einmischung in den Spanischen Bürgerkrieg. Deutschland war bei den Slowaken ebenso verhaßt wie bei den Tschechen; die volksdeutsche (und die volksungarische) Minderheit wurde in der Slowakei ebenso brutal unterdrückt wie zuvor in der Tschecho-Slowakei, und für das Reich war in jenem Ministaat weder politisch noch wirtschaftlich noch militärisch irgendetwas zu "holen". Es gab keinen vernünftigen Grund, Ungarn und Polen - die eine Teilung der Slowakei entlang des Flusses Waag vereinbart hatten - vor den Kopf zu stoßen. Die Wiedervereinigung Böhmens und Mährens mit dem Reich hätte auch ohne einen slowakischen Staat erfolgen können; und mit Polen hätte man im Gegenzug über eine Wiedervereinigung Danzigs und die Wiederherstellung der im Versailler Vertrag vorgesehenen exterritorialen Bahnlinie durch den "Korridor" - bzw. deren Ersetzung durch eine exterritoriale Autobahn - verhandeln und so einen Krieg vermeiden können.

***Tisos Gefängniswärter hat sich noch kurz vor der Hinrichtung ein Foto von ihm signieren lassen, das auch seine Fans in der neuen Slowakei von 1992 für ihre Ansichtskarten benutzen. Dikigoros empfindet das 1. als makaber und 2. als un-authentisch, denn Tiso hätte schwerlich mit weißem Kreidestift auf dunklem Untergrund geschrieben, und ob er mit den "neufreiheitlichen" Slowaken (deren Zeichen links unten prangt) etwas zu tun hätte haben wollen, ist durchaus fraglich. Dikigoros hat sich daher für ein anderes Titelbild entschieden - ohne seinen Lesern die anderen vorenthalten zu wollen.

****Dies ist nicht die einzige Inkonsequenz des neuen Regimes, das sich nicht entblödet, 1994 auf seiner ersten offiziellen Gedenkmünze nach der neuerlichen Unabhängigkeit den 50. Jahrestag ausgerechnet jener beiden Ereignisse zu feiern, die für ein halbes Jahrhundert die Slowaken ihre staatliche Unabhängigkeit und ihre politische Freiheit gekostet haben, nämlich die gelungene Invasion der Westalliierten in der Normandie und die Entscheidung der kommunistischen Partisanen, den Einmarsch der Roten Armee zu unterstützen.

*****Die diesbezüglichen Vorwürfe stehen auf ziemlich wackeligen Füßen. Tiso war weder ein rassischer noch ein religiöser Antisemit. Er war überhaupt kein katholischer "Hardliner" - er pflegte u.a. ein sehr brüderliches Verhältnis zur orthodoxen Kirche. Er war jedoch kein Freund der Ungarn - was man ihm nach seinen Erfahrungen sowohl in der Habsburger Zeit als auch in den Jahren 1938/39 kaum verdenken kann. Unter den Slowaken - die ein Bauernvolk waren - gab es kaum Juden (und wenn, dann waren sie meist getauft und galten damit uneingeschränkt als Christen), wohl aber unter den städtischen Ungarn. Sie waren daher von der Abschiebung einiger zehntausend Ungarn in den Jahren 1938 und 1942 besonders stark betroffen. (Die meisten echtenchristlichen Ungarn waren bereits in den 1920er Jahren vor der tschecho-slowakischen Unterdrückung geflohen oder lebten in den durch den Wiener Schiedsspruch an Ungarn gefallenen Randgebieten.)


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