JOSEF THORAK - ein vergessener Künstler?

Bereits mit 63 Jahren verstorben - Der Bildhauer
monumentaler Kraft wird oft verkannt.

von Thomas Blumann

(mit ergänzenden Links und
Bildern von N. Dikigoros)

"Die Schöne nach dem Bade", Thorak-Bronze von 1934/1935.
Das Modell war der tschechische Filmstar Anny Ondra[ková].
Sie hatte 1933 in Berlin den Boxer Max Schmeling geheiratet.
© Foto: MARCO/Thorak-Archiv 2001

Berlin (bpb). Er hat Skulpturen für das Olympia-Gelände in Berlin geschaffen und für die Weltausstellung 1937 in Paris: Josef Thorak. Heute ist sein Werk vorwiegend aus Fotos bekannt. Ansonsten wird Thorak im Jahr 2001 zu den vergessenen Künstlern des XX. Jahrhunderts gerechnet. Seit 1945 wird das Werk Thoraks vor allem kritisch mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht. Tatsache ist, dass er zu den Staatskünstlern des Dritten Reiches zählte. Aus der Biographie geht jedoch hervor, dass Thorak bereits vor den Aufträgen der Reichsregierung ein anerkannter Bildhauer war, der von seiner Arbeit gut leben konnte.

Thorak wurde am 7. Februar 1889 in Salzburg als Sohn eines Töpfermeisters geboren. In der väterlichen Werkstatt erlernte Thorak das Töpferhandwerk. Im Alter von 23 Jahren besucht er in Wien die Kunstakademie. 1915 geht er schließlich nach Berlin, um dort das Kunst-Studium fortzusetzen. Ab 1918 verdient Thorak als freischaffender Bildhauer seinen Unterhalt. "Es entstanden vorwiegend Arbeiten aus Wachs, weil Thorak kein Geld für die Bronzegüsse hatte", fand Thorak-Biograph Joe F. Bodenstein heraus. "Ein Bildhauer, der - entsprechend zur baulichen Architektur - monumental arbeiten will, der benötigt Auftraggeber, die sowohl Bronzen als auch die ebenso aufwendigen Arbeiten in Stein finanzieren."

Diese Auftraggeber fand Thorak zuerst im öffentlichen Raum. Es wurden schließlich Großaufträge in der NS-Zeit, die Hitlers Architekt Albert Speer vergab. Thorak schuf Monumente für öffentliche Bauten, Autobahnen und Pferde für die Neue Reichskanzlei. Jedoch bereits 1928 hatte er für sein Werk den Staatspreis der Preußischen Akademie der Künste erhalten.

Als Hitler 1933 an die Macht kam stand Thorak mit 44 Jahren "in der Blüte meiner Manneskraft". Er wird von Zeitzeugen als erdverbundener, rustikaler und erotischer Mann beschrieben. Es machte ihm nach eigenen Angaben reine Freude, seine Kraft am Stein "auszutoben".

Die aufkeimende Euphorie durch die Zuwendung Speers war jedoch vorübergehend gedämpft worden. 1935 stieß Thorak auf Widerstand in Berlin. Die Jury für die künstlerische Ausgestaltung des Reichssportfeldes mit Olympia-Stadion lehnt es ab, Werke des Österreichers zu berücksichtigen. Erst nach Hinweis aus der NSDAP, dass Hitler die Arbeiten des Bildhauers schätze, wurde die Haltung revidiert.

Danach war der Aufstieg Thoraks mit zahlreichen Aufträgen gesichert. Auch international machte er sich einen Namen. So schuf er Reliefs für das Kemal Atatürk-Denkmal in Ankara, wo der "Vater der modernen Türkei" sein Mausoleum hat.



Zu den Porträtbüsten, die Thorak schuf, gehören Bildnisse von Friedrich Nietzsche, Adolf Hitler und Benito Mussolini. Er verewigte die Schauspieler Otto Gebühr und Marianne Hoppe [und Luis Trenker, Anm. Dikigoros], den Maler Max Slevogt, den Kunsthistoriker Julius Alwin Ritter von Schlosser und Paracelsus. Ein Paracelsus-Denkmal von Thorak steht heute noch in Salzburg [ebenso eines von Kopernikus, Anm. Dikigoros].


Auch Mystik und Zartheit in vielen Werken

In einer Analyse von mittelgroßen und kleineren Formaten Thoraks bescheinigt der Bildhauer Arentz "auch viel Mystik und Zartheit" in den Arbeiten des verstorbenen Kollegen. "Thorak wird in vieler Hinsicht verkannt", sagte Arentz dem Thorak-Biographen Bodenstein. "Wenn man weiß, dass Thorak ein großer Verehrer von Frauen war, dann versteht man besser, dass dieser Bursche trotz seiner rauen Schale auch Harmonie und Zärtlichkeit gestalten konnte.

"Ein Beispiel dafür ist die zu Lebzeiten Thoraks fast unbekannt gebliebene Figur "Die Schöne nach dem Bade" von 1935. Die damals berühmte tschechische Filmschauspielerin Anny Ondra, die in Berlin lebte, stand Thorak Modell. Dass "die schöne Anny" vor dem Künstler alle Hüllen fallen ließ, war zunächst geheim gehalten worden. Immerhin war die Ondra ein Star. Sie hatte am 6. Juli 1933 die Box-Legende Max Schmeling geheiratet, der Thorak ebenfalls Modell gestanden hatte.


Thorak galt in jungen Jahren als ein "Weiberer", wie man in Bayern zu Männern sagt, die besonders gern auf "Frauenjagd" sind. Sein Privatleben war stets Tabu. In erster Ehe war er mit einer Jüdin verheiratet. Sie durfte im Dritten Reich mit Zustimmung der Reichsführung ungehindert nach England ausreisen und wollte nach Kriegsende nicht mehr zurück kehren.

Nach Ruhm und Ehre ein gebrochenes Herz


1944 beteiligte sich Thorak zum letzten Mal an der offiziellen Ausstellung im Haus der Deutschen Kunst in München mit sieben Arbeiten. Dort waren auch Werke zu sehen von Arno Breker, Fritz Nuss, Fritz Klimsch, Paul Mathias Padua, Ernst Liebermann, Hans Mann, Heinrich Faltermeier, Ludwig Angerer, Rudolf Agricola, Josef Strahn und anderen.

Nach dem großen Ruhm als Staatskünstler lebte Thorak ab Mai 1945 völlig zurückgezogen und weitgehend isoliert in Bayern. 1949 wurde er von Bekannten als "gebrochene Mann" geschildert. 1951, ein Jahr vor seinem Tod, wollten Kunstliebhaber den Bildhauer nochmals ehren. Am 20. Oktober wurde in München eine Ausstellung mit Werken von Altmeistern der Kunst aus der NS-Zeit eröffnet. Darunter waren neben Thorak auch Sepp Hilz und andere vertreten. Es gab öffentliche Proteste gegen diese Ausstellung im einstigen Haus der Deutschen Kunst, in dem Thorak wie Georg Kolbe und Breker früher regelmäßig bei den großen Kunstausstellungen präsent war. Der Künstler ist über die Attacken gegen ihn verbittert und klagt: "Geben denn die nicht endlich Ruh?"

Der bayerische Kultusminister Josef Schwalber fordert demokratische Toleranz und die im Grundgesetzt verbürgte Freiheit der Kunst ein. Er tritt den Protesten mit dem Argument entgegen: "Es können Bilder nicht deshalb verboten werden, weil sie einmal Nazigrößen gefallen haben." Ähnlich äußerte sich wiederholt der jüdische Satiriker Ephraim Kishon.

Am 26. Februar 1952 verstarb Thorak in Hartmannsberg am Chiemsee. Der Tod - knapp drei Wochen nach seinem 63. Geburtstag - trat nach ärztlichen Angaben bei einem Asthmaanfall ein.


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