'Abd äl-'Azīz ibn Sa'ūd

(1880 - 1953)

"Der Zugang zu Ibn Saud ist fast ebenso schwer
wie der Zugang zu seinem Hafen Djeddah*"
M. Boveri, Weltgeschehen am Mittelmeer

[Ibn Sa'ud]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1880
'Abd äl-'Azīz ibn Sa'ūd** wird als Sohn eines Wüstenscheichs in Riyād (der Hauptstadt von Näğd) geboren.
Die arabische Halbinsel gehört seit Jahrhunderten zum Osmanischen Reich - wobei die im Inneren lebenden Stämme pro forma lediglich tributpflichtige Vasallen sind.


1891
Der Rašīd-Stamm erobert Riyād; Ibn Sa'ūd geht mit seinem Vater ins Exil nach Kuwait.

1901
Ibn Sa'ūd erobert mit einer Truppe Kamelreiter im Handstreich seine Heimatstadt Riyād, kann sich dort jedoch nicht auf Dauer halten.

1912-1913
In den Balkankriegen verliert das Osmanische Reich seine europäischen Kolonien, mit Ausnahme von Konstantinopel (İstambul) und dessen Vorland; die Herrschaft über die arabische Halbinsel hält es jedoch aufrecht.


1914-1918
Während des Ersten Weltkriegs unterstützt Ibn Sa'ūd die Briten und Franzosen gegen die Osmanen in der Hoffnung auf eine spätere Unabhängigkeit Arabiens unter seiner Herrschaft.

1918
Nach dem Ersten Weltkrieg reißen sich Großbritannien und Frankreich die interessanteren arabischen Gebiete des zerschlagenen Osmanischen Reiches als Kolonien"Schutzgebiete" unter den Nagel (was der "Völkerbund" nachträglich mit so genannten "Mandaten" absegnet). Am Mittelteil der arabischen Halbinsel - überwiegend Wüste - zeigen sie jedoch weniger Interesse. Ibn Sa'ūds Hauptkonkurrent dort ist der Haschemiten-Scheich Hussein ibn Ali.

1919-1926
Ibn Sa'ūd erobert Ĥiğaz, Näğd und 'Asīr und nennt sich von da an "König".

1927
Mai: Großbritannien erkennt das "Königreich Ĥiğaz und Näğd" an; andere Staaten folgen. Das Reich ist zunächst bettelarm; ins Gewicht fällt lediglich der ideologische Wert, den der Besitz von Mäkka und Mädina, den "heiligen Stätten des Islam", darstellt. Der strenge wahhābitische*** Islam wird Staatsreligion, mit Ibn Sa'ūd als auch geistlichem Oberhaupt ("Imām") eines puritanischen Gottesstaates: Musik, Tanz und Spiel sind verboten, ebenso Alkohol, Tabak und Kaffee.

1932
Ibn Sa'ūd benennt sein Reich in "Sa'ūdi-Arabien" um.


Der vom Judentum abgefallene Wahldeutsche Leo Nußbaum veröffentlicht unter dem muslimischen Pseudonym "Essad Bey" eine Muhammad-Biografie, in deren letztem Kapitel er Ibn Sa'ūd in den höchsten Tönen lobt und dem von ihm vertretenen fundamentalistischen Islam die baldige Eroberung Afrikas, Asiens und Europas profezeit, im "Kampfe des Geistes und des Schwertes" [Ğihād]. Seine Ausführungen ernten allenfalls ein müdes Lächeln.

1938
In Sa'ūdi-Arabien wird Erdöl entdeckt; damit ist der Grundstein gelegt zu Ibn Sa'ūds Aufstieg zu einem der reichsten Männer der Welt. Er legt sich einen Harem von 22 Frauen und unzähligen Konkubinen zu.

1939
Juni: Ibn Sa'ūd besucht den deutschen Reichskanzler Adolf Hitler auf dem Obersalzberg, um ihn zu bitten, nicht länger die Einwanderung zionistischer Juden nach Palästina zu fördern.


[Die Bitte erledigt sich kurz darauf, als die Briten - die Ibn Sa'ūd im Vorjahr trotz Einladung nicht persönlich besucht (sondern ihnen nur einen seiner Söhne vorbei geschickt) hatte - vor dem Aufstand der Araber in Palästina einknicken und den dortigen Landerwerb durch Juden verbieten. Nachdem Großbritannien dem Deutschen Reich im September den Krieg erklärt hat, verbietet es mit sofortiger Wirkung die Einwanderung deutscher Juden - die als "feindliche Ausländer" angesehen werden - nach Palästina vollständig.]

1941
April/Mai: Im Irak und in Syrien kommen anti-alliierte Regierungen an die Macht. Die Briten reagieren mit Invasion und Einsetzung von Marionetten-Regimen.
Oktober: Die Alliierten überfallen und besetzen auch den Iran.
Ibn Sa'ūd läßt sich all das eine Lehre sein und bleibt neutral, bis der Ausgang des Krieges klar ist.

1945
Februar: Ibn Sa'ūd besucht auf dem amerikanischen Kriegsschiff Quincy den US-Präsidenten Roosevelt, dessen jüdische Abstammung er geflissentlich ignoriert. (Er verbittet sich erfolgreich die Anwesenheit bekennender Juden auf dem Schiff während seines Besuchs.) Sa'ūdi-Arabien ist seitdem ein mehr oder minder loyaler Verbündeter der USA.


März: Ibn Sa'ūd erklärt dem Deutschen Reich den Krieg.
Mai: Nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht ist der Krieg in Europa entschieden. (Er wird seitens der Alliierten durch millionenfache Vertreibungen und Morde an deutschen Zivilisten de facto fortgeführt.)

1948
Nachdem Ben Gurion einen unabhängigen Juden-Staat in Palästina ausgerufen hat, ruft im Gegenzug der Mufti a.D. Amīn einen unabhängigen Palästinenser-Staat dortselbst aus. Sa'ūdi-Arabien erkennt diesen Staat zwar an; dessen Territorium wird jedoch in den nachfolgenden militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Jordanien aufgeteilt.

1953
9. November: Ibn Sa'ūd stirbt in Tā'if (unweit Mäkka).


*Der Hafen von Djiddah war lange Zeit die wichtigste Anlaufstation für Mäkka-Pilger - bevor es Flugzeuge und eine Autobahn von Riyād durch die Näğd-Wüste gab.

**Dikigoros gebraucht im folgenden das im Westen verbreitete "Ibn Sa'ūd", wiewohl dies lediglich den Vatersnamen bezeichnet.

***Die Sekte wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts von einem gewissen 'Abd äl-Wahhāb gegründet. Er gibt vor, das Wort des Profeten Muhammad besonders genau zu befolgen und läßt keine "aufweichende" Interpretation des Qur'ān zu.


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