JACQUES  BREL

(1929 - 1978)

[Jacques Brel]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1929
8. April: Jacques Romain Georges Brel wird als viertes Kind des großbürgerlichen Wellpappe-Fabrikanten Romain Brel (1883-1964) und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. van Adorp (1896-1964) in Schaarbeek (Flandern) geboren. Er wächst nicht nur mit dem sprichwörtlichen "Silbernen Löffel" im Mund auf, sondern auch mit Alkohol und anderen Drogen. Bilder von ihm ohne die unvermeidliche Zigarette oder Pfeife gibt es bald nur noch aus dem Maler-Atelier.

1935
Brel kommt als Millionärssohn auf die exklusive Privatschule der Gebrüder Saint-Viateur in Brüssel.

1937
Brel wird "Louveteau [Pimpf]" im Jungvolk der Albert-I-Jugend.

1941
Brel wechselt auf das Kollegium Saint-Louis in Brüssel. Interesse hat er nur an einem Fach: Französisch. Dagegen hat er bis zuletzt Schwierigkeiten mit der flämischen Rechtschreibung.

1947
Brel verläßt die Schule ohne Abschluß, kurz vor Inkrafttreten der Rechtschreibreform, nach der Flämisch bzw. Niederländisch so geschrieben wird, wie man es spricht.

1948
Brel - der einen Drückebergerposten als Frühstücks-Verkaufs-Direktor in Vaters Fabrik bekommt - beginnt selbst geschriebene Lieder zu singen und dazu auf der Gitarre zu klampfen. Seine Texte gefallen sich in anti-bourgeoisen Pöbeleien; seine Stimme klingt schon früh nach Alkohol und Tabak; seine Gesangstechnik ist unter allem Niveau.

1950
Juni: Brel heiratet in Laeken (heute Stadtteil von Brüssel) Thérèse ("Miche"), geb. Michielsen. Aus der Ehe gehen drei Töchter hervor: Chantal (*1951), France (*1953) und Isabelle (*1958).


1953
Brel tritt unter dem Namen "Jacques Bérel" in verschiedenen Brüsseler Nachtclubs auf.
Februar: Brels erste Schallplatte ("La Foire"/"Il y a") - aufgenommen bei Philipps/Belgien - wird zum Flop (nur 200 verkaufte Exemplare).
Juli: Brel lernt den aus Bulgarien eingewanderten Juden Nissim ("Jacques") Canetti (1909-97) kennen, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Chanson- und Variété-Szene Frankreichs fast vollständig unter seine Mafia-ähnliche Kontrolle gebracht hat*. Dieser beherrscht u.a. die Plattenfirma Philips/Frankreich, bei der er Brel unterbringt.
September: Brel übersiedelt nach Paris-Montmartre.

1954
Brel tritt in Canettis Pariser Nachtclubs ("Les Trois Baudets", "Chez Patachou") auf.
Juli: Canetti läßt Brel erstmals im Beiprogramm der berühmten Pariser "Music-hall" Olympia auftreten.
Oktober: Canetti schickt Brel - zusammen mit Sidney Bechett, Dario Moréno und Cathérine Sauvage - auf Tournee durch das damals noch französische Nordafrika.
Brels erste LP ("Chansons") kommt auf den Markt. Er spezialisiert sich im folgenden auf eine Mischung aus Chansons und Variétés, wobei er zunächst auf Flämisch und auf Französisch, bald nur noch auf Französisch singt.


1955
Februar: Brel lernt den Tontechniker Georges Pasquier ("Jojo") kennen, woraus sich eine lebenslange Freundschaft entwickelt.
März: Brel zieht nach Montreuil (ein - damals noch mehrheitlich von Weißen bewohnter - Vorort von Paris) und holt seine Familie nach.
Juni: Canetti schickt Brel - zusammen mit Françoise Dorin, Perette Soumlex und Suzanne Gabriello (1932-92) - auf Tournee durch Frankreich.


1956
Juli: Canetti bringt Brel mit dem Pianisten François Rauber zusammen, der ihn davon überzeugt, dem Publikum sein mangelhaftes Gitarrenspiel zu ersparen und ihm statt dessen Klavier-Arrangements schreibt.
Mit "Quand on n'a que l'amour [Wenn man nichts als die Liebe hat]" gelingt Brel der Durchbruch am Plattenmarkt.


1957
Februar: Canetti läßt Brel - neben Maurice Chevalier, Michel Legrand und Zizi Jeanmaire - im Pariser Alhambra auftreten.
Juni: Brel erhält für "Quand on n'a que l'amour" den "Grand Prix du Disque" der "Académie Charles Cros".
November: Canetti bringt Brel mit dem Pianisten Gérard Jouannest zusammen.

1958
August: Kurz nach der Geburt seiner dritten Tochter verläßt Brel Frau und Kinder und liiert sich mit Suzanne Gabriello.
November: Canetti läßt Brel - zusammen mit Philippe Clay - erstmals im Hauptprogramm des Olympia auftreten.
Seine mittelmäßigen Vorstellungen werden von gekauften Journalisten in den höchsten Tönen gelobt; selbst der sonst so seriöse Figaro jubelt ihn zum "Orkan" hoch. (Daran ist immerhin so viel richtig, daß er zwar nicht schön, aber laut singt :-) Ein Mythos wird "gemacht".
Dezember: Jouannest übernimmt von Rauber die Rolle des Konzertbegleiters auf Brels Tourneen und komponiert künftig auch die meisten seiner Hits; Rauber bleibt jedoch Brels Arrangeur.


1959
Mit "Les flamandes" gelingt Brel ein Achtungserfolg, mit "La valse à mille temps" ein Evergreen, mit "Ne me quitte pas" ein Welthit.


1960/61
Canetti schickt Brel auf Tourneen durch Belgien, Ägypten, Québec (Französisch-Kanada) und die Niederlande.
Mit "Le Moribond [Der Sterbende]" gelingt Brel ein weiterer Evergreen, der später durch die englische Coverversion ("Seasons in the Sun") ebenfalls zum Welthit avanciert.


Brel bestreitet das Hauptprogramm des Olympia erstmals alleine.

1962
März: Nachdem Canetti Philips verlassen hat, gründet Brel - zusammen mit seiner Frau, von der er aus Rücksicht auf seine Eltern noch nicht offiziell geschieden ist - zunächst einen eigenen Verlag ("Pouchenel"), unterschreibt dann aber einen Fünfjahresvertrag bei Barclay. Mit "Les bourgeois", "Le plat pays" und "Bruxelles" gelingen ihm weitere Hits.


1963
April: Brel - der auch die "Music-hall" gewechselt hat - tritt erstmals im Pariser Bobinot auf.

1964
Mit "Amsterdam", einer Hymne auf dessen Kneipen-, Drogen- und Rotlicht-Viertel, gelingt Brel sein letzter Nr.-1-Hit.


Januar: Brels Vater stirbt.
März: Brels Mutter stirbt.
Nach dem Tode seiner Eltern hat Brel als Millionenerbe finanziell ausgesorgt. Seine folgenden Platten - von denen "Ces gens là" (1966) und "La chanson des vieux amants" (1967) noch kleinere Hits werden - kann man überwiegend in der Pfeife rauchen.


1967
Juli: Brel steigt als Schauspieler in "Les risques du métier [Berufsrisiko]" ins Filmmetier ein und beendet bald darauf seine Karriere als Sänger, obwohl er noch im März seinen Plattenvertrag bei Barclay bis 1973 verlängert hatte. [Jouannest wird daraufhin Pianist bei Juliette Gréco, die ihn später heiratet.]


1968
Brel versucht sich auch als Theater-Schauspieler. Er übernimmt die Rolle des Don Quichotte in "L'homme de la Mancha".


1968-73
Brel spielt weitere Rollen in den Kinofilmen "La bande à Bonnot" (1968), "L'homme à l'habit rouge" (1969), "Mont Dragon" (1970), "Les assassins de l'ordre" (1971), "L'aventure, c'est l'aventure" (1972), "Le Bar de la Fourche" (1972) und "L'emmerdeur" (1973). Obwohl Brel nicht schlechter schauspielert als er singt, hat keiner dieser Filme nachhaltigen Erfolg.
Bei den Dreharbeiten zu dem Film "L'aventure, c'est l'aventure", in dem Brel neben Lino Ventura und Johnny Hallyday spielt, lernt er die aus Guadeloupe stammende Mulattin Maddly Bamy ("Madly Bamy") kennen, die bis dahin nur als Darstellerin in dem Softporno "L'amour fou" (1968) und als "Claudette" (leicht-geschürzte Begleit-Tänzerin des Schlagersängers Claude François) in Erscheinung getreten war. [Hallyday hatte sie in einer Nebenrolle untergebracht, um ihrem Bruder Erick Bamy - der für ihn als Background-Sänger arbeitete - einen Gefallen zu tun.] Die beiden werden ein Paar.

1972/73
Mit "Franz" und "Le Far-West" versucht sich Brel ebenso erfolglos als Filmregisseur.


1974
Brel erkrankt an Lungenkrebs und zieht sich mit Maddly Bamy auf die Marquesas-Insel Hiva Oa (Französisch-Polynesien) zurück.


1977
Mit der LP "Les Marquises" und der Single "Les remparts de Varsovie" gelingt Brel ein kurzes Comeback als Sänger.


1978
Juli: Brel reist zur medizinischen Behandlung nach Frankreich.
9. Oktober: Jacques Brel stirbt in Bobigny (bei Paris) an den Folgen seiner Drogenexzesse.


Brels Leiche wird zurück auf die Marquesas überführt und auf dem Friedhof von Atuona (neben dem Maler Paul Gauguin) begraben.

[Brels Totenmaske von Michel Poix (1986)]

seit 1978
Brel wird einer unkritischen Nachwelt als "größter Chansonnier französischer Zunge" verkauft; dazu tragen u.a. die Bücher von Maddly Bamy bei.


2005
Fernsehzuschauer des belgischen Staatssenders RTBF wählen Brel zum "GröBaZ (Größten Belgier aller Zeiten)".**


*An Canetti kommt damals praktisch niemand vorbei, der in der französischen Musikszene Fuß fassen oder sich dort halten will. Er produziert u.a. Isabelle Aubret, Guy Béart, George Brassens, Maurice Chevalier, Serge Gainsbourg, Juliette Gréco, Jacques Higelin, Michel Legrand, Yves Montand, Jeanne Moreau, Mouloudji, Claude Nourago, Édith Piaf, Jacques Prévert, Serge Reggiani, Henri Salvador, Simone Signoret und Charles Trenet; außerdem vertritt er die Interessen von Louis Armstrong und Duke Ellington in Frankreich.

**RTBF ist ein wallonischer Sender, der "le plus grand Belge" wählen ließ. Bei der Wahl zu "de grootste Belg", die der flämische Konkurrenz-Sender Canvas durchführte, belegte Brel "nur" Platz 7, immerhin als Drittplatzierter des 20. Jahrhunderts hinter Paul Janssen und Eddy Merckx.


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