LÉON  BLUM

(1872 - 1950)

[Léon Blum 1919]
[Léon Blum - Signatur]

Tabellarischer Lebenslauf
zusammengestellt von
Nikolas Dikigoros

1872
09. April: Léon Blum wird als zweiter von fünf Söhnen des wohlhabenden - auf Seidenstoffe spezialisierten - Tuchhändlers Abraham* Blum und seiner Ehefrau Adèle*, geb. Picart, in Paris geboren.
(Frankreich hat gerade stürmische Zeiten hinter sich: Nach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg, dem Sturz Kaiser Napoleons III und der Terror-Herrschaft der Pariser "Commune" - die jener der Jakobiner nach der Revolution von 1789 kaum nachsteht - ist Frankreich zum 3. Mal Republik geworden.)

1877-1890
Blum besucht fünf verschiedene Schulen in Paris, zuletzt das Lyceum Henri IV, wo er ein - angeblich - glänzendes Abitur [baccalauréat] ablegt.**

1890-1894
Blum besucht die École Normale Supérieure, sodann die Universität Paris, wo er zunächst Literatur-, dann Rechtswissenschaften studiert.
Nebenbei betätigt er sich als Literatur- und Theater-Kritiker: Er schreibt Artikel für die "Revue blanche".

1895
Dezember: Blum wird - wiewohl zuvor im offiziellen Auswahlverfahren an den Prüfungen gescheitert - Richter am Conseil d'État.***

1896
Blum heiratet Lise, geb. Bloch. (Aus der Ehe geht ein Sohn hervor.)

1897
Blum lernt den Pazifisten Jean Jaurès kennen, mit dem er sich anfreundet.

1904
Blum gründet zusammen mit Jaurès die Zeitung "L'Humanité".
Das war anfangs noch kein reines Propagandablatt der Marxisten. Blum übernimmt das Ressort "Literatur[kritik]". (Als er merkt, daß die Zeitung immer mehr zu einem politischen Organ wird, stellt er die Mitarbeit ein.)

1905
Blum wird Mitglied der neu gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei Frankreichs ["Section française de l'Internationale ouvrière" (Französische Sektion der Arbeiter-Internationale), kurz "SFIO"].

1909
Januar: Blum wird zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.

1914
Juli: Inmitten der allgemeinen Kriegshysterie Kriegsbegeisterung wird Jaurès - der für eine Verständigung mit dem Deutschen Reich eintritt - auf offener Straße ermordet.
(Die Pazifistin Bertha v. Suttner - die doch tatsächlich gewagt hat, zur Niederlegung der schönen neuen Waffen aufzurufen, noch bevor diese ernsthaft erprobt worden sind, ist ein paar Tage zuvor von selber gestorben.)
Wie alle braven Sozialisten in Europa stellen auch die französischen ihren Nationalismus über den lange Zeit offiziell propagierten "Internationalismus". Die Arbeiter bejubeln allenthalben ihr Glück Schicksal glückliches Los****, Kanonenfutter werden den Heldentod für die Bonzen fürs Vaterland sterben zu dürfen. Man kennt keine Parteien mehr, sondern nur noch Franzosen, Deutsche etc.

[A Berlin !] [Für viele der letzte Ausflug - und er endete nicht in Paris auf dem Boulevard]

August: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs tritt Blum als "chef de cabinet"***** in die Allparteien-Regierung ("Heilige Allianz [Union sacrée]") des Sozialisten Marcel Sembat ein. (Seinen Posten am Staatsgerichtshof läßt er vorübergehend ruhen.)

1916
Dezember: Nach dem Sturz Sembats kehrt Blum an den Staatsgerichtshof zurück.

1918
November: Nach dem Waffenstillstand - der einer deutschen Kapitulation gleich kommt - zählen die Franzosen zwar formell zu den Siegern des Ersten Weltkriegs; aber einigen schwant bereits, daß es sich um einen Pyrrhos-Sieg handelt.

1919
April: Blum steigt in den Vorstand der SFIO auf.
Juni: Mit dem Diktatfrieden von Versailles gewinnt Frankreich nicht nur Elsaß-Lothringen, sondern erhält de facto auch das Saarland und das Rheinland zur Ausplünderung.
(Einzelheiten tun hier nichts zur Sache, da Blum und seine Partei dafür nicht verantwortlich waren. Dikigoros schreibt darüber an anderer Stelle.)


November: Bei den Wahlen zur National-Versammlung wird die SFIO vom "Bloc national" schwer geschlagen.
Blum selber gewinnt jedoch ein Abgeordnetenmandat im Unterhaus****** und legt sein Amt beim Staatsgerichtshof endgültig nieder.

1920
Auf dem SFIO-Kongreß in Tours kommt es zum Bruch zwischen Sozialisten und Kommunisten, die eine eigene Partei ("Parti communiste [PC]") gründen. Blum bleibt bei den Sozialisten.

1923
Blum wird Präsident der Zionistischen Union Frankreichs.
Die erstmals im Tsarenreich des 19. Jahrhunderts aufgekommene Idee des "Zionismus", d.h. der Remigration Auswanderung der europäischen Juden nach Israel, hatte seit der Übersetzung von Theodor Herzls Buch "Der Judenstaat" ins Französische auch in der "Grande Nation" an Popularität gewonnen: Die Franzosen wären froh gewesen, "ihre" Juden los zu werden (man konnte sie ja nicht alle unter irgendeinem Vorwand auf die Teufelsinsel deportieren, wie Alfred Dreyfus - dafür war dort nicht genug Platz), und die letzteren wären froh gewesen, dem französischen Antisemitismus zu entkommen. Es gab da allerdings ein kleines Problem: Bei der Zerschlagung des Osmanischen Reichs am Ende des Weltkriegs war "Palästina" an Großbritannien gefallen (die Franzosen hatten nur "Syrien" als "Völkerbundsmandat" bekommen, und dorthin wollte kein Jude), das eine exorbitante immigration tax [Einwanderungssteuer] erhob: 1.000 Pfund pro Kopf in Gold! [Nach heutiger Kaufschwäche Kaufkraft ca. 100.000 T€uro, nach heutigem Goldpreis sogar mehr als das doppelte. Stellt Euch mal vor, liebe Leser:innen Lesende, das Uneinige Königreich - und andere europäische Staaten - hätten sich daran im 21. Jahrhundert ein Beispiel genommen: Es wären nur noch "Qualitätseinwanderer" gekommen, die Staatshaushalte wären saniert und alle "Migrationsprobleme" auf einen Schlag gelöst worden!] Soviel verdiente ein durchschnittlicher französischer Arbeiter sein ganzes Leben lang nicht. (Ein deutscher übrigens auch nicht, wie Dikigoros' Großvater seinem Sohn einmal vorrechnete.) Anders als später das Deutsche Reich - Stichwort Ha'avara-Abkommen - war Frankreich aber weder bereit noch in der Lage, solche Summen aufzubringen; anders als die bösen Nazi-Deutschen hätten die Franzosen auch nicht erlaubt, daß die Juden ihre Habe zu Geld machten, dieses den Briten in den Rachen warfen und den Rest mit nach "Palästina" nahmen, um damit irgendeinem Araber ein Stück Land oder einen Betrieb abzukaufen. Die "Union sioniste française" war folglich - anders als die "Zionistische Vereinigung für Deutschland" - ein bloßer Debattierclub. (Blum war dort also genau richtig - er soll ein großer Debattierer und Redner gewesen sein :-)

1924
Mai: Bei den Wahlen zur National-Versammlung gewinnt Blum erneut ein Abgeordnetenmandat.
ab Juni: Die SFIO duldet eine Minderheitsregierung der Linksliberalen ("Radicaux de gauche") unter dem glücklosen Ministerpräsidenten Édouard Herriot (bis April 1925).

1928
Mai: Bei neuerlichen Wahlen verliert Blum - dem die Presse mehrere Skandale anhängt und ihn als "neuen ewigen Juden" bezeichnet - sein Pariser Abgeordnetenmandat an den Kommunisten Jacques Duclos.
Er gründet - zusammen mit anderen jüdischen "Promis" - das "Sozialistische Komitee für Palästina" (ebenfalls nur ein Debattierclub).

1929
April: Bei Nachwahlen im Bezirk Narbonne - wohin er ausgewichen ist - gewinnt Blum erneut ein Abgeordnetenmandat.
Die Reste der SFIO lassen nun endlich auch offiziell ihre Maske der "Internationalität" fallen und benennen sich in "Parti socialiste français [PS]" um. Blum wird ihr Fraktionsvorsitzender.
Oktober: Ein massiver Kurssturz an der New Yorker Aktienbörse ("Schwarzer Freitag") leitet in den USA die "große Depression" ein.

1930
November: Die jüdischen Pariser Privatbanken Adam und Oustric stellen ihre Zahlungen ein. In den betrügerischen Bankrott sind mehrere Abgeordnete und Minister verwickelt, was zum Sturz der Regierung führt und das Vertrauen der Wähler in ihre politische Führung massiv erschüttert.

1932
Mai: Bei Neuwahlen verteidigt Blum sein Abgeordnetenmandat im Wahlkreis Narbonne.

Juni: Die von den USA ausgehende Weltwirtschaftskrise erfaßt nun auch Frankreich mit voller Härte.
(Dazu trägt maßgeblich bei, daß sich Frankreich den kostspieligen Luxus einer Hochrüstung leistet, die große Teile des Staatshaushalts - und der deutschen Reparationszahlungen - verschlingt, und daß die USA nicht bereit sind, Frankreich seine Kriegsschulden zu erlassen, während sie Deutschland die Kredite, die es zur Zahlung der Reparationen aufnehmen mußte, wenigstens teilweise stunden.)
Ähnlich wie in den Nachbarstaaten Deutschland und Spanien kommt es zur Radikalisierung breiter Bevölkerungsschichten; linke und rechte Milizen (Kommunistischer Soldatenbund, Feuerkreuzliga u.a.) liefern einander in Paris u.a. Städten regelmäßig Straßenschlachten.
Blum - seit einem Jahr Witwer - heiratet in 2. Ehe seine langjährige Maitresse Thérèse Pereyra. (Die Ehe - die hält, bis der Tod durch Ärztepfusch sie sechs Jahre später scheidet - bleibt kinderlos.)

1933
Kurzlebige Kabinette unter wechselnden Ministerpräsidenten (Paul-Boncour, Daladier, Sarraut, Chautemps) wechseln einander ab.
Das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie wird durch Finanz- und Korruptionsskandale erschüttert, in die Regierungsmitglieder und führende Parlamentarier verstrickt sind.
Besondere Empörung rufen die groß angelegten Betrügereien des polnischen Juden Alexandre Stavisky hervor, der von den "Radicaux de gauche" gedeckt wird.


1934
06. Februar: Die Feuerkreuzliga organisiert einen "Marsch auf Paris". Daladier läßt die unbewaffneten Demonstranten - hauptsächlich Kriegsveteranen, denen man die Invalidenrente gekürzt hat und kleine Sparer, die beim Bankenskandal Stavisky ihr Geld verloren haben - von der Polizei zusammen schießen; es gibt mehrere Tausend Tote und Verletzte.


07. Februar: Unter dem Druck der Öffentlichkeit muß Daladiers "Regierung der Mörder" zurücktreten.



Juni: Kommunisten, Sozialisten und "Radicaux de gauche" verbünden sich mit dem Ziel einer "Volksfront".

1935
Juni: Laval wird erneut Ministerpräsident. Er betreibt mit mehreren Preisverordnungen eine deflationäre Finanzpolitik, um die anhaltenden Wirkungen der Weltwirtschaftskrise auf Frankreich (dessen Exporte seit 1930 um zwei Drittel eingebrochen sind) zu bekämpfen. Die sinkenden Löhne und Gehälter entfremden ihm die Arbeitnehmer unter den Wählern.


1936
Januar: Die National-Versammlung stürzt den "Mussolini-Freund" Laval. Eine Streikwelle, die das Wirtschaftsleben Frankreichs völlig lahm legt, zwingt seinen Nachfolger Albert Sarrault zur Ausschreibung von Neuwahlen.
Februar: [...] Ein glänzender Propaganda-coup für den Wahlkampf.
April: Nach dem Wahlsieg der Kommunisten bei den Parlamentswahlen kommt es zur Machtergreifung der "Volksfront".******
Sie setzt eine Lohnerhöhung um durchschnittlich 12%, drei Wochen bezahlten Jahresurlaub und die 40-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich fest.
Die Folge sind Kapitalflucht ins Ausland - Frankreich verliert fast seine gesamten Goldreserven, die bis dahin die höchsten in Europa waren - und Inflation im Inland. Der Export bleibt am Boden, obwohl der Franc wiederholt abgewertet wird (bis auf 16 Pf), da die anderen Staaten entweder auch abwerten und/oder die Zollschranken erhöhen bzw. bestimmte Waren kontingentieren.

1938
April: Nachdem die "Volksfront" völlig abgewirtschaftet hat, kommt erneut der "Verbrecher" Daladier an die Macht.

1939
September: Frankreich und Großbritannien nehmen den Polenfeldzug zum Vorwand, Deutschland den - längst geplanten - Krieg zu erklären, der sich später zum Weltkrieg ausweitet, jedoch zunächst nur als "Drôle de guerre" [Sitzkrieg] geführt wird.

1940
Mai: Der "Frankreichfeldzug" der Wehrmacht beginnt.
Juni: Nach der französischen Niederlage ist Laval unter Marschall Henri Philippe Pétain an den Waffenstillstandsverhandlungen mit den Deutschen beteiligt.


10. Juli: Auf Betreiben Lavals überträgt das Parlament Pétain die Vollmachten zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung.
17. Juli: Laval wird in der Vichy-Regierung Stellvertreter von Staatschef Pétain.

August: Laval überlebt den Mordanschlag eines de-Gaulle-Anhängers.


13. Dezember: Weil er sich für die Annäherung an Hitler und eine Annahme seiner Forderungen einsetzt, wird Laval aus allen seinen Ämtern entlassen und unter Hausarrest gestellt.

1942
18. April: Auf deutschen Druck wird Laval von Pétain zum Ministerpräsidenten ernannt.
Juni: Laval ermuntert französische Arbeiter, sich der deutschen Kriegsindustrie zur Verfügung zu stellen.


Die damit verbundene massive Werbekampagne ist der beste Beweis, daß es sich um einen freiwilligen Arbeitseinsatz handelt, nicht um eine gewaltsame "Deportation" zwecks "Zwangsarbeit". Gleichwohl wird Laval später genau das - wider besseres Wissen - zur Last gelegt.
(Diese Lüge geistert bis heute durch die "politisch korrekten" Geschichts- und Märchenbücher sowohl der BRDDR als auch des Sechsecks, unter Berufung auf Aussagen französischer Arbeiter, die nach dem Krieg notgedrungen ihren freiwilligen Arbeitseinsatz in Deutschland so darstellten, um den Repressalien gegen "Collaborateure" zu entgehen. Die gleichfalls als "Beweismittel" angeführten "Deportiertenausweise" wurden in den 1950er Jahren nachträglich ausgestellt für "Betroffene", die damit Ansprüche auf "Entschädigung" geltend machen konnten.


22. April: In Bezug auf den Rußland-Feldzug erklärt Laval in einem Schreiben an den US-Botschafter: "Im Falle eines Sieges Sowjet-Rußlands und Englands über Deutschland wird sich der Bolschewismus unvermeidlich in Europa festsetzen. Unter diesen Umständen zöge ich es vor, daß Deutschland den Krieg gewinnt. Ich glaube, daß mit Deutschland ein Arrangement getroffen werden könnte, dessen Konsequenz ein dauerhafter Friede in Europa wäre." An einem solchen dauerhaften Frieden in Europa liegt den USA freilich nicht das geringste - Laval hat mit diesen Worten, wie sich später zeigen soll, sein Todesurteil geschrieben. Unterdessen werden französische Freiwillige für den "Kreuzzug gegen den Bolschewismus" angeworben.


November: Mit dem Gelingen der alliierten Invasion Nordafrikas, der daraufhin erfolgenden Besetzung Südfrankreichs durch deutsche und italienische Truppen und dem Anwachsen der "Résistance"-Bewegung beginnt Lavals Einfluß zu schwinden.

1943
.

1944
Juni: Die alliierte Invasion in der Normandie gelingt.
August: Kurz vor dem Einzug alliierter Truppen in Paris beruft Laval eine National-Versammlung ein, um sich von der deutschen Besatzungsherrschaft abzusetzen; daraufhin wird er von den Deutschen kurzzeitig in Belfort interniert, darf sich dann aber zur Exilregierung in Sigmaringen begeben.

1945
Mai: Nach der deutschen Kapitulation flieht Laval nach Katalonien.
Juli: Laval wird in Barcelona verhaftet. Franco liefert ihn in die amerikanische Besatzungszone Österreichs aus**; die Amerikaner reichen ihn an de Gaulle weiter.
August: Laval wird gezwungen, im Schau-Prozeß gegen Pétain wegen Hochverrats als Zeuge auszusagen. (Die Verbrecher-Visagen seiner Büttel sprechen Bände.)


Oktober: Laval wird selber wegen Hochverrats vor "Gericht" gestellt.
(Es handelt sich lediglich um ein Scheinverfahren nach sowjetischem Muster. Eine reguläre Verteidigung wird nicht zugelassen; der Angeklagte darf insbesondere keine Entlastungszeugen benennen.)
Auf Anweisung de Gaulles wird er zum Tode verurteilt.
15. Oktober: Laval versucht sich selbst mit Gift zu töten, bleibt aber durch schnelle medizinische Hilfe am Leben. Nachdem man ihm sieben mal den Magen ausgepumpt hat, wird er erschossen.

* * * * *

1945
Mai: Blum kehrt nach Paris zurück und arbeitet wieder beim Populaire - als "politischer Direktor".

1946
Dezember: Blum wird Ministerpräsident und Außenminister der - ungewählten - "provisorischen Regierung" der neuen ("vierten") Französischen Republik (bis Januar 1947).

1948
Juli: Blum wird Vize-Präsident des Ministerrats.
September: Blum zieht sich aus der Politik zurück.

1950
30. März: Léon Blum stirbt an einem Herzinfarkt.
April: Er erhält ein Staatsbegräbnis und wird in Jouy-en-Josas beerdigt.

[Ein Staatsgast drückt sein Beileid aus]


*Sein Vater tritt auch unter dem Falschnamen (nicht Taufnamen - er konvertiert nie) "Auguste" auf, seine Mutter unter dem Falschnamen (dto) "Marie". In Frankreich - dessen Bevölkerung nicht erst seit der "Affaire Dreyfus" überwiegend anti-semitisch eingestellt ist - erscheint ihnen das opportun, zumal sie auf Kundschaft aus "höheren" Kreisen abzielen.
(Die Juden waren nach ihrer Vertreibung aus Frankreich im Mittelalter meistenteils ins Elsaß emigriert, das damals noch zum toleranteren Deutschland gehörte; so auch die Blums, die erst in den 1840er Jahren nach Paris zurück kehrten.)
Dagegen gibt es für die Behauptung gewisser anti-semitischer Zeitungen, daß die Familie ursprünglich "Karfunkelstein" hieß, keine belastbaren Beweise. Ihre Urheber verkennen wohl, daß Juden sich bevorzugt nicht nur nach [Edel]Steinen und -Metallen (und Herkunftsorten und Farben), sondern auch nach Blumen benennen. "Blum" ist ein typisch jüdischer Name.

**So die herrschende Meinung unter Blum wohlgesonnenen Biografen. Dafür gibt es indes keine belastbaren Beweise, und es ist auch wenig glaubhaft. Seine häufigen Schulwechsel mag man noch mit "disziplinarischen Gründen" erklären; aber seine Unterschrift erinnert eher an einen geistig minderbemittelten Hilfsschüler als an einen brillanten Gymnasisten. Nach glaubhafteren Quellen - die freilich nur eine Mindermeinung darstellen - war Blum ein miserabler Schüler, dessen Leistungen vor allem in den Fremdsprachen Deutsch und Englisch mangelhaft waren, so daß er eigentlich gar nicht zur Reifeprüfung hätte zugelassen werden dürfen. Aber Abitur- und andere Zeugnisse waren - nicht nur damals - käuflich; und sein Vater konnte die dafür benötigten Mittel ohne weiteres aufbringen. Auch die E.N.S. war nur insofern eine "Elite-Hochschule" als allein die finanzielle Elite ihren Sprößlingen ein Studium dortselbst ermöglichen konnte; Blum mußte sie schon nach einem Jahr wegen ungenügender Leistungen verlassen. Das juristische Staatsexamen dürfte ihm ebenfalls sein Vater gekauft haben, ebenso das "Untauglichkeitsattest", das ihn vom Wehrdienst befreite: Die offizielle Begründung war "Kurzsichtigkeit"; aber das war noch nie ein Grund, seit es Brillen gab. (Und später, als Gasmasken notwendig wurden, sollte man die Brillengestelle durch Gummibänder ersetzen, die sich auch darunter tragen ließen.)

***Der "Conseil d'État" wird oft mit dem "Staatsgerichtshof" der Weimarer Republik verglichen. Ein solcher Vergleich ist zwar zulässig, aber er hinkt, wenn man nicht auch die Unterschiede aufzeigt:
[...]
Dikigoros - der den finsteren Verdacht hegt, daß Abraham Blum seinem Filius auch diesen Posten gekauft hat - zieht die Bezeichnung gleichwohl der nichtssagenden wörtlichen Übersetzung "Staatsrat" vor.

****Das französische Wort "fortune" bedeutet sowohl "Glück[sfall]" als auch "Schicksal"; und was Abraham Blum betrieb, um die Karriere seines Sohnes Léon zu fördern, nannte man mal "corriger la fortune".
Dikigoros erwähnt das, weil dieser Ausdruck allmählich in Vergessenheit zu geraten droht. (Wer kennt schon noch Lessing? Und wenn, dann doch höchstens "Nathan der Weise", aber nicht "Minna von Barnhelm"!) Dabei ist der Tatbestand an sich heute sowohl in Sechseckien als auch in BRDistan wahrscheinlich weiter verbreitet als je zuvor.

*****Am ehesten dem bundesdeutschen "Kanzleramtsminister" vergleichbar.

******Die französische "Assemblée nationale [National-Versammlung]" besteht aus einem Oberhaus - dem "Sénat" (Dikigoros läßt dieses Wort der Einfachheit halber stehen) und einem Unterhaus - der "Chambre des députés". (Dikigoros scheut sich, das mit "Deputierten-Kammer" zu übersetzen. In die Kammer gehören Besen, und Brüsseler Spitzen hinter schwedische Gardinen - so jedenfalls der Dichter Rolf Lindner :-) Wenn im folgenden von einem "Abgeordnetenmandat" Blums die Rede ist, meint das eines im Unterhaus.

*******Nun rächte sich bitter, daß die Konservativen im Senat Jahre lang einen Gesetzentwurf zur Einführung des Frauenwahlrechts torpediert blockiert hatten. (Erst unter dem bösen Nazi-Collaborateur Pétain sollten die Französinnen 1944 das Wahlrecht erhalten. Ein Wunder, daß man sie davon 1945 im Zuge der "libération" nicht wieder "befreite" - schließlich war das doch ein schlimmes Nazi-Gesetz!) Die Frauen - auch die Arbeiterfrauen - wären mit hoher Wahrscheinlichkeit klug genug gewesen zu erkennen, daß sie vom Kommunismus keine Besserung ihrer Lage zu erwarten hatten. Dagegen waren die Männer dumm genug, Blum und anderen Demagogen glänzenden Rednern der "Volksfront", die ihnen das Rote Blaue vom Himmel versprachen, auf den Leim zu gehen zu glauben.
Wie schon Blums Volksgenosse Glaubensbruder******** Sigmund Freud wußte: An irgendetwas müssen die Menschen glauben. (Wie sang einst der französische Chansonnier Michel Sardou in "Danton", einem Lied gegen die Revolution von 1789: "Les pauvres ont besoin de l'Église [...] Laissez-les croire à leur vision!" Den Text schrieb übrigens der Jude Pierre Delanoë; daß er nicht ganz den historischen Tatsachen entsprach, wußte M.S. sehr wohl, wie er im Interview am Ende des verlinkten Videoclips einräumt.) Und da man ihnen in Frankreich - und anderen Ländern des "christlichen Abendlands" - die Religion von Amts wegen ausgetrieben hat[te] (Schlagwort "laïzistischer Staat") glaub[t]en sie statt dessen an politische Ismen.

********Dikigoros hat das Wort "Volksgenosse" gestrichen, da es nicht mehr den Geboten der politischen Korrektheit political correctness entspricht, obwohl Freud selber es regelmäßig verwendete und obwohl er keineswegs sicher ist, inwieweit sich Freuds religiöser Glaube mit dem Blums deckte. Aber er wollte auch nicht auf das dummdeutsche neudeutsche - und wohl noch nicht gecancelte - Genderwort "Volksgenießender" ausweichen.


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